Erst seit Ende 1997 ist das
Land an das Internet angeschlossen, wobei der
gesamte Datenverkehr über zwei Server läuft, die in
Hanoi und Ho Chi Minh Stadt, dem ehemaligen Saigon,
stehen. Diese Zentralisierung ist kein Zufall,
ermöglicht sie doch die effektive Kontrolle des
Datenflusses. An den zwei Gateways ins Ausland ist
eine Schnüffelsoftware installiert, die einkommenden
und ausgehenden elektronische Briefe auf verdächtige
Inhalte überprüft.
Nur die Vietnam Data
Communications (VDC), eine 100prozentige Tochter der
staatlichen Telekommunikationsgesellschaft VNPT
(Vietnam Post & Telecommunications Corporation)
ist in Besitz einer Lizenz anderen Firmen den Zugang
zum Internet zu ermöglichen. Zur Zeit verfügt das
Land über genau vier solcher Internet Service
Provider, wobei VDC selbst als Provider auftritt.
Die Provider führen ihre Betriebe unter restriktiven
Bedingungen: Sie müssen dafür sorgen, dass bestimmte
Adressen im ausländischen Internet aus Vietnam
heraus nicht zu erreichen sind. Dies dient zum einen
der Sperrung von Websites vietnamesischer
Dissidenten, zum anderen soll so der weiteren
Indoktrination der Bevölkerung Einhalt geboten
werden. Nach Angaben der Organisation „Reporter ohne
Grenzen“ werden rund 2000 Webseiten blockiert.
Eine der Homepages, die
ganz oben auf der Liste der VDC steht, ist die der
„Allianz Freies Vietnam“. Die Organisation von
Exil-Vietnamesen setzt sich für die Demokratisierung
des Heimatlandes ein und bemüht sich unter anderem
den Informationsfluss aufrecht zu erhalten.
„Politische Nachrichten aus Vietnam werden von uns
gesammelt und wieder ins Land zurück geschickt“,
erklärt H. Tran, außenpolitischer Sprecher der
Organisation in Deutschland. Das Internet biete
hierfür ideale Bedingungen und mit dem anwachsenden
Datenaufkommen würde die Kontrolle der Inhalte immer
schwerer.
„Die Regierung in Hanoi hat
einfach Angst vor dem Internet“, sagt der Betreiber
eines Internet-Cafés in Nha Trang. Die eingängigen
Seiten seien zwar nicht erreichbar, aber
beispielsweise sei das Angebot an erotischen Seiten
so vielfältig, dass eine Sperrung aller betreffenden
URLs gar nicht möglich sei. Im Raum stehen acht PCs,
darunter sechs ältere mit 300er Prozessoren, aber
auch zwei Computer neueren Kaufdatums. „Ein AMD mit
über einem Gigahertz“, erklärt der Mann stolz.
Vornehmlich Touristen nutzen seinen Service, in
Travellerkreisen hat E-Mail die handgeschriebene
Postkarte schon länger ersetzt. Immer häufiger sind
es aber auch Vietnamesen, welche Kontakt in die Welt
pflegen.
Das vietnamesische
Politbüro ist genuin um die Hegemonie seiner
Informationspolitik besorgt, meint aber zugleich,
dass die ökonomischen Reformen vom Wachstum des
Technologiesektors abhängig sind. Aber: Das
Informationsmonopol ist unter den Bedingungen der
IT-unterstützen Marktwirtschaft nicht zu halten. Die
Begriffe „nationale Sicherheit“ und „wirtschaftliche
Internationalisierung“ stehen für diese Quadratur
des Kreises.
Um den Zugang zum Internet
zu erleichtern, beschloss die Regierung in Hanoi
jüngst eine Senkung der monatlichen
Leitungs-Gebühren für Internet-Provider um 25
Prozent. Damit wird auch Privatpersonen der Einstieg
ins Web erleichtert. Zur Zeit besitzen rund 170
Tausend Vietnamesen einen eigenen Zugang zum Netz
der Netze, das sind 0,2 Prozent der Bevölkerung. Zum
Vergleich: In Deutschland sind 43 Prozent der
Bevölkerung online.
Weil der eigene Anschluss
trotz der Preissenkungen für die allermeisten
Vietnamesen noch immer zu teuer ist, boomen in den
Großstädten die öffentlichen Zugänge. In der
sozialistischen Vorzeige-Metropole Hanoi herrscht
mittlerweile der Preiskampf zwischen den
verschiedenen Cafés, der Preis für eine Stunde im
Netz ist auf umgerechnet rund zwei Euro gefallen, in
Ho Chi Minh Stadt liegen die Tarife noch tiefer.
Preiswert hatte auch Le Chi
Quang seine Dokumente durchs Netz geschickt. Der
31jährige Computer-Dozent nutzte ein Cyber-Café in
Hanoi, um einen ausführlichen Bericht über ein
bilaterales Grenzabkommen zwischen der
vietnamesischen und chinesischen Regierung zu
veröffentlichen. Bei seinem nächsten Besuch stand
die Polizei neben dem PC und verhaftete ihn. Le Chi
Quang ist kein Einzelfall,
Menschenrechtsorganisationen weisen immer wieder
darauf hin, dass das vietnamesische Regime nach wie
vor äußerst rigide gegen Kritiker vorgeht.
Für die alten Mandarine stellen die bürgerlichen Freiheiten nach wie vor keine Errungenschaft, sondern eine Gefahr für den Zusammenhalt des vietnamesischen Gemeinwesens dar. Neben dem Lust auf Konsum bringt das Internet aber genau diese Ideen der individuellen Rechte in die Städte und Dörfer des Landes. Ungeachtet dessen setzt die Kommunistische Partei weiterhin auf den Ausbau des Telekommunikationsnetzes. Planwirtschaft pur: Bis zum Ende des Jahres sollen zwei weitere Provider Lizenzen erhalten, der jüngst veröffentlichte Fünfjahresplan sieht vor, dass sich die Zahl der Internet-Zugänge versechsfachen, die Zahl der Internet-Nutzer verzehnfachen soll.
Jörg Auf dem Hövel