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hanfblatt 2003
"Finger weg von solchen Sachen"
Marihuana in den Groschenheften der Sechziger Jahre
az
Dass die Anti-Marihuana-Propaganda, als Reefer-Madness der Anslinger-Ära
aus den USA herübergeschwappt, im kleinbürgerlichen Nachkriegsdeutschland
sozusagen in Form eines Kifferwahns einen zumindest publizistisch fruchtbaren
Boden fand, haben wir im Hanfblatt anhand von vier Krimis bereits belegt ("Mimi
und der Kifferwahn", Hanfblatt Nr. 81). Weitere Dokumente dieser Zeit sollen
demonstrieren, welche Klischees den deutschen Spiessbürgern hüben
wie drüben bereits vor dem massenhaften Cannabiskonsum durch Gammler und
Hippies ab Mitte der Sechziger Jahre mittels Trivialliteratur und Groschenheften
in die "entnazifizierten" Hirne gepflanzt wurden.

So erschien in Bremen 1956 von dem Vielschreiber ("Nächtliches Ägypten",
"Unheimliches China" etc.) Ernst F. Löhndorff der "Roman eines Rauschgiftes"
mit dem merkwürdigen Titel "Schwarzer Hanf". Es geht natürlich um
die "Marihuanapflanze", das "Giftkraut", "der schwarze Hanf". Eine junge Frau
entblößt sich schamlos vor allen Leuten auf dem Broadway inmitten
von New York. "Was sie eben gesehen hatten, war die grotesk-düstere unfreiwillige
Demonstration eines gefährlichen Rauschgiftes, das trotz aller Maßnahmen
von Jahr zu Jahr in Amerika und sogar nun langsam in Europa beispiellose Triumphe
feiert. Marihuana. Hergestellt aus der tabakähnlichen und auf gleiche Art
behandelten und gerauchten Pflanze der "schwarzen Cannabis Indica". Indischer
Hanf." Im Orient von den "Wüstlingen" und "den Massen der Armen" geraucht,
"wo es als "Haschisch" oder "Bengh" bekannt ist." ""Marihuana", der Arzt, der
eben das junge Mädchen untersucht hatte, stieß diesen Namen zornig
aus, wie den seines ärgsten Feindes. Es war in der Tat sein ärgster
Feind, den er mit allen Mitteln bekämpfte, wo immer er ihn traf." Dieser
Jargon kommt einem wohlbekannt vor... "Er traf ihn oft. Nicht nur in anrüchigen
Rauschgiftkneipen, sondern auch - und das war das Bedrohliche - unter den Girls
und Boys der Highschools und Universitäten." Na klar, Muttis Lieblingen,
den Stützen der Gesellschaft... "Wie er dieses Gift haßte, das in
erschreckender Weise um sich griff! Das Gift, das aus jungen Leuten Verbrecher
und Mörder macht, das sie körperlich und geistig ruiniert. Marihuana!"
(S.10/11)
Ja, entsetzlich! Es lohnt durchaus, die ganze hanebüchene Geschichte grob
nachzuerählen. So taucht als Nächstes ein promiskuitives Südstaatenmädchen
auf, das unter Marihuanaeinfluss auch nicht vor dem Verkehr mit "Negern" zurückschreckt.
Eines von vielen Beispielen aus allen Zeiten dafür, dass Rassismus und
Antidrogen-Propaganda überall Hand in Hand gehen. Zurück in den "Happy
Valley" zu "Lizzy Horner", die "erst zwanzig" war, "ein gutgewachsenes, hübsches,
rotblondes, von Natur aus gutmütiges Mädchen, nach dem sich so mancher
junge Mann umdrehte. Kurz nach der Schulentlassung hatte Lizz durch ein Mädchen
Marihuana kennengelernt. Sie ließ sich erzählen, daß alles
Gerede über die Gefährlichkeit des Giftes Unsinn und Aberglauben sei.
Und sie glaubte es nur zu gern. Jetzt war Lizz soweit, daß sie ohne Marihuana
nicht mehr leben konnte. Sie war krank und elend, wenn ihr das Kraut einmal
ausging." (S.36) Dem Schnaps ist sie zwar zusätzlich auch nicht abgeneigt,
aber "Wer Lizz genau betrachtete und besonders in ihre unsteten blitzenden Augen
mit den kleinen Pupillen sah, den überliefen Mitleid und Grauen. Solange
Lizz nur eine oder zwei Marihuana-Zigaretten am Tage rauchte, war sie erträglich.
Dann zeigte sie Negern gegenüber oft ein gutes Herz, schenkte den Kindern
Lollypops und war glänzender Laune. Sobald sie aber mehr rauchte, wurde
sie verrückt und schamlos."
Und wie kann es anders sein: "Sie lief den Männern mit krankhafter Sucht
nach. Es gab keinen Neger oder weißen Arbeiter im Umkreis, der nicht schon
einmal mit Lizz hinterm Busch oder in ihrem Bett geschlafen hatte." (S.37) Zumindest
versorgt sie sich teilweise selbst: "Vater und Tochter pflanzten sogar heimlich,
inmitten ihres Maisackers versteckt, in eigenhändiger schwerer Arbeit ein
Stück Land mit indischem Hanf an, der im Tennesseeklima gut gedieh. Sie
ernteten, präparierten und schnitten das Teufelskraut und verkauften es
in Bausch und Bogen, ohne daß jemand davon etwas erfuhr. Es hätte
beiden zehn bis zwanzig Jahre Zuchthaus eingetragen."(S.38) Und "Auch unter
den halbwüchsigen Negern wurde Marihuana geraucht. Man kann es heimlich,
aber fast überall in den Vereinigten Staaten auftreiben, in Zigaretten-
oder tabakähnlichen Päckchen, und die Sucht greift erschreckend um
sich. Besonders in den Großstädten..." (S.39) "Schließlich
rauchte sie eine Marihuanazigarette, und sofort überkam sie das wilde Verlangen
nach einem Mann." (S.39) Ein harmloser zufällig von der Opossumjagd vorbeikommender
"Mulatte" namens "Washington" soll quasi ihr Opfer werden. ""Verrückt bin
ich nach dir, du Nigger!" keuchte Lizz." (S.43) Eigentlich will der aber nichts
von ihr, doch zu spät. Ihr Vater erscheint unerwartet auf der Bildfläche
und Lizz kreischt "gellend: "Hilfe, Hilfe! Daddy, der Nigger will mich zwingen!""
(S.44) "Washington" wird das "beklagenswerte Opfer grausamer Lynchjustiz" (S.
57). "Lizzy Horner mußte sich im Staatssanatorium einer Rauschgift-Zwangsentziehungskur
unterziehen. Diese Kur hatte wider Erwarten Erfolg. Nach einem Dreivierteljahr
konnte sie als geheilt entlassen werden." (S.57)
Doch ein selbst nahezu weißhäutiger verbitterter junger "Neger" namens
"John" verlässt die Gegend, beschließt sich, ob dieser Ungerechtigkeiten,
nach seinem "Wahlspruch "Alle Weißen kaputtmachen""(S. 61) zu rächen
und zieht über Chicago nach Haarlem/New York. Er steigt schließlich
in den Marihuana-Schleichhandel ein. "John verdiente am Päckchen ungefähr
hundert Prozent." Darfs noch ein bißchen mehr sein? "Die meiste Kundschaft
hatte er unter den weißen Strichmädchen und deren Kavalieren. Aber
es machte ihm nichts aus, seine Ware auch an Studenten, Studentinnen, Lehrburschen
und andere abzusetzen, gleichgültig, ob es Weiße oder Farbige waren."
(S.65) "Und die Sucht nach dem Rauch des schwarzen Hanfs breitet sich immer
weiter aus, und Menschen werden reich am Unglück und der Schwäche
anderer Menschen." (S. 67) Wo kommt das Zeug her? Natürlich aus Mexiko:
"Der biedere Juan, oder mag er Pepe oder Estevan heißen, pflanzt wohlverborgen.
Er erntet, trocknet und fermentiert ebenfalls geheim und streicht für das
Kraut gute, klingende Pesos oder Dollars ein...Aber welches Elend in den Großstädten
des nördlichen Nachbarn einreißt, das glaubt er nicht, und wenn man
es ihm zehnmal erzählt. Pah, ein bißchen Marihuana!" (S.78) Und "Während
in Mexiko früher sich nur die Priesterkaste des schwarzen Hanfes bediente,
ehe es allmählich unter den Indios volkstümlich wurde, kannte der
Orientale seit langer Zeit sein Haschisch...Obwohl der Orientale eine unglaubliche
Widerstandskraft gegen dieses Gift hat, machten sich doch die verheerenden Spuren
allmählich bemerkbar." (S.79) Und die Regierungen kämpfen "im verseuchten
Orient mit großer Energie" und geringem Erfolg dagegen an, "denn das Gift
wird immer wieder eingeschmuggelt."
"Marihuana hat, besonders in den Vereinigten Staaten, anderen Rauschgiften wie
Heroin und Cocain längst den Rang abgelaufen. An Marihuana, Tschärs
und Haschisch wird viel Geld verdient. Und es gibt viele Menschen, die für
Geld alles tun!" (S.79) John baut schließlich einen internationalen "Ring"
auf. "John ging es vor allen Dingen ums Geld. Deshalb scheute er sich nicht,
das Gift auch an Farbige, die der Sucht verfallen waren, zu liefern." (S.102)
"John B. machte sich kein Gewissen über die tragische Rolle, die er spielte.
Vielleicht war er auch noch zu jung, um übersehen zu können, daß
er eigentlich ein gewissenloser, unsympathischer Verbrecher und indirekter Mörder
Hunderter oder gar Tausender charakterschwacher Mitmenschen war." (S.107) Und
das, während "Professoren, Ärzte, Lehrer und Polizei...aufklärende
Vorträge in Schulen, Universitäten und am Rundfunk über die Gefahren
von Rauschgiften, insbesondere von Marihuana" hielten. "Einhundertachtzig Millionen
Menschen wurde wieder einmal, wie schon so oft, an Hand drastischer Beispiele
vor Augen geführt, welch schleichende Sucht am Mark Uncle Sams zu zehren
begann." (S.107) Dass es auch anders geht, beweist die Geschichte von zwei Mädchen
aus dem Internat, die die lokalen Marihuanaraucher an die Polizei verpfeifen:
"Campbell College war frei von der Seuche. So helfen und halfen sich viele junge
Leute in Amerika! Denn die Vereinigten Staaten sind trotz allem eine prächtige,
junge und tatkräftige Nation."(S. 116) Da habt Ihrīs! Währenddessen
floriert "Johns Ring". Er kauft Marihuana aus Mexiko und Asien, läßt
über San Franzisko einschmuggeln und liefert sogar bis nach Nordafrika
und Ägypten: "Jedes einzelne Säckchen wurde mit Etiketten, auf denen
entweder Hitler oder Stalin in Rednerpose zu sehen waren, versehen. Der unergründliche
Sinn der dortigen Raucher verlangte nämlich diese Bilder. Dies ist Tatsache.
Die meisten Haschischpäckchen in Nordafrika wiesen diese Bilder auf."(S.118)
John eröffnet "in verschiedenen Großstädten bessere Bierlokale","die
in Wahrheit Rauschgiftparlours waren; in ihren gut eingerichteten Kellerräumen
fanden die Interessenten alle Bequemlichkeiten, um ihrem Laster zu frönen.
Hand in Hand arbeitete mit dem Marihuanavertrieb der internationale Mädchenhandel.
Auch das war Johns Werk." (S. 120)
Während "Lucky John" nun mittlerweile mit einer Weissen namens Maybelle
liiert ist, die nichts von Johns schwarzer Herkunft und seinen dunklen Machenschaften
ahnt, und auch noch Vater wird, sorgt Johns Ring dafür, dass "eine Anzahl
junger, blonder Mädchen, die dem Rauschgift verfallen waren" aus Deutschland
in "verschiedene jener dunklen Häuser in Rio und anderswo, aus denen nur
in den allerseltensten Fällen eine Rückkehr möglich ist..." (S.121)
verbracht werden. John reist nach Port-au-Prince um auf der "Vudu"-Insel Haiti
einen neuen "Stapelplatz"(S. 129) für Marihuana zu eröffnen. Dort
wird er mit seiner schwarzen Herkunft konfrontiert und nimmt an einem ekstatischen
blutrünstigen "Vudufest" teil. In den Bergen werden ihm die "Zombies",
"ausgegrabene Leichen" gezeigt, die auf den Feldern arbeiten, und er erfährt
von seiner Führerin Jaqueline: "Bei uns auf Haiti wäre mit Marihuana
kein Geschäft zu machen. Wir haben andere Mittel, die außer uns niemand
weiß." (S.144) Welche erfährt er nicht. Dafür zeugt er, von
ihr verhext, mit ihr "ein kleines, schwarzes Negerlein!"(S.153). Sie lässt
ihn dann allerdings doch zurück zu seiner Frau fahren, und die "Erinnerung
an Jaqueline verblaßte immer mehr in seinem Gedächtnis. Ihm war es
als hätte er einen seltsamen, gefährlichen Traum gehabt. Die Geschäfte
blühten."(S.149) "mehr und mehr faßte die Rauschgiftsucht nun auch
in Europa festen Fuß." Außerdem ist er nun auch noch einer der Größten
im Geldautomatengeschäft geworden, auch in "Westdeutschland". "Viele Jahre
verstrichen. Das Geschäft wuchs trotz mancher Rückschläge." (S.154)
Währenddessen wächst seine "weiße" Tochter "Iris" "zu einer
reizvollen, jungen, hübschen Dame heran". (S.160) Maybelle macht sich Sorgen
um ihre Tochter, wegen der "Gefahren für die heutige Jugend" (S.154). Zu
Recht, denn sie raucht mit sechzehn "ihre erste Marihuanazigarette. Sie wurde
von einer Freundin verführt...Nach dieser ersten Zigarette, die ihr nicht
sonderlich bekam, rauchte sie eine zweite, dann eine dritte, bis sie auf den
Geschmack kam. Iris befand sich plötzlich im Kreise leichtsinniger junger
Menschen, die - wie sie sagten - modern wären und die veralteten Ratschläge
ihrer spießigen Eltern nicht brauchten, da sie selber genau wüßten,
wie man das Leben meistere und genieße. In den meisten Fällen waren
es Jugendliche, deren Erzeuger reich waren und die sich nicht viel um ihre heranwachsenden
Kinder kümmerten."(S.160/161) "Die Alten wunderten sich manchmal, warum
ihr Junge oder ihre Tochter so nervös und zerfahren war, schrieben dies
aber achselzuckend der schnelllebigen, unruhigen Zeit zu." (S. 161) Der Abstieg
ist nicht aufzuhalten; trotz reichlich Taschengeld belügen und betrügen
sie ihre ahnungslosen Eltern, um ihrer heimlichen Leidenschaft zu frönen.
"Iris war eine der Tollsten...Geschickt verbarg Iris daheim ihre häufige
Müdigkeit und nervöse Überreiztheit hinter dem Wort "Migräne"...In
Wirklichkeit aber lag sie, schwer verkatert, in ihrem Bett und lechzte nach
Whisky und Marihuana."(S. 162) Eines Tages gibt sich Iris mit ihrer Freundin
"Daisy" in "Tiger Browns" "unterirdischem Marihuanaparadies"(S.180) an der Bowery
die Kante: "Die Platte spielte jetzt einen dröhnenden Rumba. Schwer und
widerlich süß wogte der Rauch des schwarzen Hanfes..." (S.173) Iris
lässt sich von der Kneipe mit dem Taxi zum Broadway fahren: "Sie fühlte
sich keineswegs betrunken. Ein anderes Gefühl beseelte sie, ein tolles,
unbändiges Gefühl, das keine Hemmungen kannte. Wenn sie jetzt ihre
ärgste Feindin und einen Revolver dagehabt hätte, so würde sie
ihr lachend sechs Kugeln in den Bauch gejagt haben. Marihuana macht stark und
mächtig und rücksichtslos..." (S.178) Iris landet auf dem Broadway
und "tanzte den Tanz, der sie ins Sanatorium bringen und ihre Eltern ins Unglück
stürzen sollte..." (S.178)
Monate später, nach dem Sanatoriumsaufenthalt, verfällt Iris wieder
dem Marihuana und dem "Mulatten" "Ray", mit dessen Rennauto sie über die
Strassen jagen: ""Darling, wollen wir das Marihuanarauchen lassen? Ganz und
gar? Eine Kur machen? Endgültig?" "Ganz und gar. Aber du mußt mich
liebbehalten. Oh, Ray..." So fuhren sie dahin. Marihuana, das sie sich vor wenigen
Minuten abgeschworen hatten, lenkte Rays Hand und trieb seinen Fuß auf
den Gashebel. Keiner sagte ein Wort. die Nacht duftete. Die Zikaden zirpten.
alles sang, rauschte und glänzte. "Schneller, Ray", flüsterte Iris
heiser." (S.183)" Natürlich müssen sie jetzt verunglücken: "Als
sie Rays Wagen...wie eine Ziehharmonika zusammengepreßt...näher untersuchten,
fanden sie ihn und Iris, Arm in Arm, ein Lächeln auf den toten Gesichtern."
(S.184) Vadder John gerät in eine schwere Krise. "Er würde Maybelle
alles sagen, er würde ihr sagen, daß er ein Neger ist, daß
er der Rauschgifthändler, Bordellkönig und Geldautomatenbesitzer war...Was
gingen ihn noch die Weißen an. Mochten sie nach ihrer Art leben, er war
ein Neger und hatte sein weißes Dasein teuer bezahlt. Erst mit Iris, die
in den Armen eines Farbigen gestorben war, dann mit Maybelle. Denn sie würde
ihn verlassen." John will sich der Staatsanwaltschaft als Kronzeuge offenbahren
und dann nach Haiti auswandern, denn "dort singen und arbeiten die Neger in
den Feldern, und eine Negerregierung wacht über sie." (S.187) Doch da bekommt
er Besuch, einen Killer seines alten Geschäftspartners "Bronson Howard":
"Knackend schoß eine rotgelbe Flamme aus dem Schalldämpfer, wühlte
sich blitzschnell in Johns Herz und warf ihn wie eine schlaffe Puppe auf den
Teppich..." (S.188) Doch "Irgendwo in einem warmen Land" "wiegt sich im sanften
Wind die raschelnde Marihuanapflanze, und überall duftet es nach Blumen
und Erde." (S.189)
Natürlich nahm sich auch einer der langlebigsten und wohl erfolgreichsten
Kriminal-Groschenroman-Helden des Themas an: Der kettenrauchende, doppelte Whisky
ohne Soda bechernde und Jaguar fahrende "G.-man Jerry Cotton", der Spezi vom
FBI. Im 1958 in Bergisch-Gladbach erschienenen Band 57 "Finger weg von solchen
Sachen. Ein Wahnsinniger hält Amerika in Atem." geht es selbstredend um
Marihuana, den Mord an einem "rauschgiftsüchtigen" Jungen namens "Joe Backley"
und den Selbstmord seiner Freundin "Margy Leccon". "Bei den jungen Leuten ist
diese verdammte Marihuanasucht leider sehr weitverbreitet."(S.41) Der Schlüssel
zu dem Fall ist das Tagebuch von Joe: Als Redakteur einer Schülerzeitung
am "Sco-Marven College" versucht er für einen Artikel in die Abgründe
des lokalen Marihuanahandels vorzudringen: "Wieder Smoky Klub...Das Vorspielen
neuer Schallplatten ist nur ein Vorwand für die Leutchen, um für einen
Marihuana-Rauchabend zusammenzukommen." (S.42) "Nach dem sechsten Whisky" probiert
Joe eine "Marihuanazigarette". "Ich weiß nicht mehr, wie es war, aber
es muß irgendwie sehr schön gewesen sein. Ich fühlte mich so
frei, so überirdisch gelöst. Gar nicht zu beschreiben. Ich weiß,
daß ich dem Teufel auf die Schippe gestiegen bin." (S.43) Er hat Angst
süchtig zu werden, aber er hat ja seine Freundin Margy, die ihn notfalls
"in eine Entwöhnungsanstalt bringen lassen" wird, bevor "ich mich durch
das Gift runiere". Doch es kommt heftiger als gedacht: "Ich bin süchtig...Heute
morgen hielt ich es nicht mehr aus. Ich habe mir mit den Fingernägeln den
Hals blutig geschunden, so verrückt machte mich die Gier nach dem Gift."
Er erkennt die Lage: "Heute geht es mit einer Marihuanazigarette täglich
los. In einer Woche sind es täglich schon drei. Und nicht genug. Sieben,
elf, fünfzehn, ein ganzes Päckchen. Und der Körper gewöhnt
sich an immer gößere Giftrationen und verlangt immer mehr. Es ist
als ob man einen Teufel in sich drin sitzen hätte, der einen langsam, aber
sicher auffrißt."(S.43) Die anderen Süchtigen haben natürlich
auch faule Ausreden auf Lager, "es wäre gar nicht so schlimm, und gesundheitsschädlich
wären die Zigaretten genau nicht mehr als jede normale Zigarette und so
weiter. Dabei kann man es ihnen schon ansehen, wenn man Bescheid weiß."
(S.44)
Die Erwachsenen kriegen natürlich nichts mit: "Ich verstehe nicht, wo die
Erwachsenen ihre Augen haben. Dauernd reden sie davon, daß sie für
uns da sind, wenn wir sie brauchen, und daß sie uns immer helfen wollen.
Ja, sehen sie denn alle nicht, in welcher heillosen Klemme ich sitze?" (S.45)
Joe findet heraus, daß der vier Jahre ältere und erheblich gewichtigere
"Beel" an der Schule mit Marihuana handelt. Der ist ihm längst auf die
Schliche gekommen, vermöbelt mit seinen Kumpanen den armen Joe für
seine Schnüffelei und höhnt: "Zuerst wollten wir dich umlegen. Aber
das ist viel zu viel Aufwand. Du verreckst ja sowieso in einem Jahr oder in
einem anderthalben. Ich habī dich jetzt soweit, daß du von den Zigaretten
nicht mehr loskommst. Dein ganzes Leben nicht mehr." Und zur Strafe gibtīs īne
kleine Preiserhöhung: "Für dich kosten sie nämlich von jetzt
ab zwei Dollar mehr. Klar?" (S.45) Und dann wird noch gedroht: "Wenn du dir
je einfallen läßt, irgendwem was zu erzählen, was uns schaden
könnte, dann schwöre ich dir, daß Margy von uns süchtig
gemacht wird...Gibt sicher genug Männer, denen sie gefallen würde,
wenn sie mal zahlende Freunde brauchte."(S.46) Joe ist mit den Nerven am Ende.
Er bestiehlt sogar seine Mutter. "Ich weiß nur, daß ich meinen eigenen
Vater umbringen würde, wenn die Gier nach diesem verdammten, dreimal verfluchten
Gift mich packt". Schliesslich will sich Joe vollkommen verzweifelt "morgen",
wenn zwei "G-men" vom FBI in der Schule auf Besuch vorstellig werden, verhaften
lassen. Falls er vorher von Beel und seiner Bande ermordet werden sollte, soll
sein "Tagebuch vor versammelter Schülerschaft vorgelesen werden. Vielleicht
kann es diesen oder jenen abschrecken, der auf den törichten Gedanken kommen
könnte: eine Marihuanazigarette könnte gar nichts schaden. Es bleibt
nie bei einer. Und der Weg führt in die schlimmsten Höllen, die man
sich nur vorstellen kann."(S.47)
Jerry Cotton ist erschüttert : "Joe. Kamerad. Du wolltest auf deine Art
gegen das übelste Verbrechertum der Welt kämpfen. Du mußtest
in diesem Kampf unterliegen, wie so viele brave und tapfere Kameraden schon
unterlagen und ihr Vorhaben mit ihrem Leben besiegelten. Aber daß dein
Opfer nicht umsonst sein wird, daß schwöre ich dir, Joe. Das schwört
dir der ganze FBI. Die letzte Runde werden wir gewinnen, und sollte ich dir
dabei ins Grab folgen müssen." (S.47) Und er zündet sich eine Kippe
an und rast mit dem Jaguar von dannen. Zwischendurch muss er allerdings noch
ein Kind aus den Fängen eines völlig wahnsinnigen, von weißen
Engeln faselnden Entführers namens "Baby Killer Jackson" befreien. Aber
wie der Zufall es will, stammt der Wahnsinnige aus dem selben College wie Joe
und er hat "Marihuanazigaretten" bei sich. "Ein junger Mann von zweiundzwanzig
Jahren hatte sich mit Marihuana bis in den Wahnsinn geraucht und war als Geistesgestörter
zum schlimmsten Kindermörder seit Jahrzehnten geworden." (S.56) Jetzt ist
Beel fällig. Er wird gestellt und gnadenlos verhört. Man legt ihm
die Bilder der Kinder vor, "von Jackson ermordet im Marihuanawahn" (S.61), und
er wird geständig. Er schreibt die Namen seiner Kunden auf. "Sechsundvierzig
Jungen zwischen jünfzehn und einundzwanzig Jahren. Und jeder einzelne hatte
mit dem verflucht dummen Satz angefangen: Bloß mal sehen, wie das ist!
Nur eine! Und alle sechsundvierzig waren süchtig geworden. Und vor uns
saß einer, der an ihrer Sucht verdient hatte. Der Geld gescheffelt hatte,
indem er andere rauschgiftsüchtig machen lasse." (S.61/62) Nun wollen sie
noch wissen, wer der Marihuanalieferant war, und am nächsten Tag nehmen
sie den Oberschurken in der Schule fest und führen ihn vor den Schülern
ab, damit "der Henker" sein Werk vollziehen kann (S.63) : Es handelt sich um
"Mister Leyton", den vierzigjährigen Schulleiter mit "den begrüßenswert
modernen Ansichten" (S.5). Zum Abschluss werden Joe und Margy beerdigt. "Es
gab keine Ansprache. Die hielt Beethovens Musik." Das Tagebuch wird vorgelesen.
"Ich glaube, daß es niemals eine eindringlichere Mahnung und Warnung vor
Rauschgiften gegeben hat...Wir legten unseren Kranz vor den beiden Särgen
nieder und zupften die Schleife auseinander: Der FBI - seinen zwei gefallenen
Kameraden. Dann stahlen wir uns leise hinaus." (S.63)

Auch in der DDR interessierte man sich etwas verspätet wahnhaft für
"Marihuana", wie der gleichnamige Titel 63 von Heinz Engelke aus der "Kleinen
Erzählerreihe" beweist, der 1965 im Deutschen Militärverlag in Berlin
in einer Erstauflage von 100.000 Heftchen erschien. Der langweilige Krimi spielt
im kapitalistischen New York. In der interessanteren Nachbemerkung heißt
es: ""Hast du Khif?" flüstern Jugendliche an den Straßenecken, in
Bars und Kellerstampen, vor Drug-stores und auf den Schulhöfen New Yorks,
Münchens, New Orleans und Hamburgs. Khif - das ist die Traumzigarette -
das ist Marihuana. Eine Marihuana-Zigarette ist teuer, sie kostet fünf
Westmark" Ohauahauahaua "oder einen Dollar, man braucht Geld, um sie "genießen"
zu können. Wer kein Geld hat und dem Gift verfallen ist, besorgt sich Geld.
Im Gefolge dieses gefährlichen Giftes befinden sich Raub und Mord. Fünfzig
Prozent der Morde in seiner Stadt seien auf den Genuß von Marihuana zurückzuführen,
erklärte...ein bekannter Staatsanwalt aus New Orleans...Marihuana gehört
zu den gefährlichsten Rauschgiften, deren Genuß Traumbilder weckt.
Es vergiftet den Körper systematisch und macht den Menschen - wie auch
der Genuß von Heroin, Morphium und Opium - zur Kreatur."(S.30) Die Ursachen
für das Problem sind offensichtlich: "In Ländern, wo Senatoren und
hohe Politiker den Einsatz der schrecklichsten Waffen predigen und fordern,
sehen die Menschen keine Zukunft, haben sie keine erstrebenswerten Ideale. Der
Jugend bietet die offizielle Politik keine Perspektive. Sie sieht keinen Sinn
in ihrem Dasein. Und so stehen die Jugendlichen an den Straßenecken, sitzen
in Bars und Kellerstampen, nachdem sie sich Geld "besorgt" haben, und flüstern:
"Haben Sie Khif oder Stoff?"" (S.31)