Das ist doch mal ein Angebot. Anstatt durch Comic-Läden zu laufen oder
im Internet wild zu sammeln kauft man nur ein Buch, die Bibel, sozusagen. Das
gibt es preiswert bei Zweitausendeins: Den ganzen Seyfried und die volle Ziska.
Die Comics. Alle! 700 Farbseiten, 3 kg schwer. Ein Juwel.
Wer über dieses Jubelpersertum staunt, der sei aufgeklärt: Mit Gerhard
Seyfried begann die Geschichte des deutschen Underground-Comics. Kein anderer
hat die alternative Szene und ihre grün uniformierten Widersacher treffender
aufgespießt, kein anderer wurde öfter kopiert. Heute wie damals zieren
seine Karikaturen und Parolen Flugblätter, Hauswände und die sanitären
Anlagen in Kneipen. Seine Zeichnungen haben eine ganze Generation zum Lachen
gebracht, ihm etliche Anzeigen und Gerichtsverhandlungen eingetragen und sind
das wohl lustigste Kulturgut der Außerparlamentarischen Opposition.
Das Lesen seiner Comics ist bis heute immer auch ein Trip in visuell hochaufgelöste
Kleinigkeiten und illusionäre Sprachspiele. So gibt es im Sammelband herrliche,
zweiseitig-großformatige Kunstwerke zu bestaunen, in denen man sich gänzlich
verlieren kann: Das ist psychedelische Feinstarbeit, die Seyfried durchaus an
die Seite von Jean Giraud aka „Moebius“ stellt.
Aber weiter in der Historie: Als 1989 Rest- und Rost-Berlin wiedervereinigt
wurden, antwortete der als bester deutscher Comiczeichner gewürdigte Max-und-Moritz-Preisträger
Seyfried mit einem furiosen Nachwende-Comic („Flucht aus Berlin“).
Später tat er sich mit der Zeichnerin Ziska Riemann zusammen, die mit ihr
zusammen verfasste „Future-Subjunkie“-Serie waren ein Bruch mit
seinen klassisch-buntwitzigen „Seyfrieds", aber nicht weniger politisch
– sie waren nur radikaler, härter. Man wollte zeigen, wo es hinführt,
wenn nichts passiert, wie die Welt kaputtgemacht wird, die Gefühle absterben
und die Natur zerstört wird. In vorerst letzten gemeinsamen Band der beiden,
„Starship Eden“, dominiert wieder der (bösartige) Humor. Nazis
und Faschisten werden gründlich verarscht.
Der Comicband setzt eine gewisse psychische Robustheit voraus: Teddybären
werden verstümmelt und Autoritäten verlacht, ganze Inseln werden mit
Tusche geschwärzt, der Cyberspace schlägt zurück, und Außerirdische
ziehen unsere Zukunft durch den Kakao.
Die meisten der Alben sind längst vergriffen und unter Sammlern heiß
begehrt. Besondere Schmankerl in dem Prachtband sind ein seltenes „Freak-Brothers“
Comic, das Seyfried zusammen mit Gilbert Shelton und Paul Mavrides verfasst
hat und einige unbekannte Kurzcomics.
Fazit: Ein Pflichtkauf für jeden Comic-Freak und alle diejenigen, die es
werden sollten. Und die gute Nachricht zum Schluss: Seyfried lebt wieder in
Berlin – und er zeichnet...
Gerhard Seyfried & Ziska Riemann: Die Comics. Alle!
Erstausgabe
700 farbige Bildseiten
Großformat 30x22 cm
Fadenheftung. Fester Einband
ISBN-10: 3861507803
Frankfurt a.M., Zweitausendeins
39,90 EUR
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