In den Zeiten der Unübersichtlichkeit sollen Listen und Lexika für
Ordnung sorgen. Seit Ben Schotts Sammelsurium ist der Listenwahnsinn ausgebrochen,
das Buch von Ingo Niermann und Adriano Sack setzt noch einen drauf. Sie führen
uns in den Kosmos des „Breiten Wissens“, der „seltsame Welt
der Drogen und ihrer Nutzer“. Auf knapp 200 Seiten folgt eine Liste nach
der anderen: wer was mit welcher psychoaktiven Substanz mal angestellt hat und
was sich mit den anderen noch anstellen lässt.
Auf der einen Seite ist es sicherlich Effekthascherei, eine Art „Gala“
der prominenten Kokser und User aufzuführen. Auf der anderen Seite: Bei
dieser Menge an Informationen über Drogen ist es eine gewichtige Leistung
der Autoren, wenig Fehler zugelassen zu haben. Von Harnsperre nach Engelstrompetenkonsum
ist zwar in der Praxis wenig bekannt, auch von rektalen Kokain-Heroin-Cocktails
bei Pferden träumte wohl nur Harry Anslinger. Die kürzeste Liste ist
die der drogenfreien Musiker, hier steht nur der Name „Frank Zappa“
und auch das ist nicht ganz richtig, denn Zappa war zum einen die Wirkung von
Marihuana wohlbekannt, er hat nur später nicht mehr gekifft, zum anderen
war er starker Zigaretten-Raucher.
Das Buch durchzieht der Tonfall eines Johannes B. Kerner: „Es gibt ja
Berichte, die besagen, dass sie ihre Frau schlagen. Ich sage das ja nicht, nur
die Berichte. Was sagen sie dazu?“ Im vorliegenden Werk ist diese Art
der anbiedernden Distanz ironisch überspitzt, dass macht den Listenirrsinn
erträglicher. Die Autoren tragen viel Wissenswertes und noch mehr Anekdoten
zusammen, eine Sammlung, die in dieser Form bisher nicht existiert. Hut ab!
So erfährt man viel über die Drogenaffinität der Helden des
modernen Zeitalters: Filmstars, Politiker, Modemacher, Fußballspieler
und deren Trainer, irgendwie scheint jeder schon mal eine Pille geworfen oder
den Rüssel ins Pulver gesteckt zu haben. Aufgelistet werden die „Dämlichsten
Drogenfilme“, „Wichtige Drogenhändler“, „Großartige
Drogenszenen der Filmgeschichte“ (eine interessante List, nur fehlt hier
aus meiner Sicht „Blueberry“ von Jan Kounen), es gibt eine Liste
mit „Woran man gutes Haschisch erkennt“, eine über „Literarische
Drogenklassiker“, mehrere über das Verhalten von Tieren auf Droge
und eine über „Deutschsprachige Kokainlieder“. Dazu kommen
Tipps wie „So faltet man ein Kokainbriefchen” oder Bauanleitungen
für ein Erdloch. Das alles ist kurzweilig, da kann jedermann in der Mitte
anfangen und erwischt trotzdem den Faden, denn es gibt ja keinen. Höchstens
den weiteren Beweis, dass die „bösen Drogen“ inmitten der Gesellschaft
angekommen sind.
Wenn man denn mäkeln will liegt das eigentliche Problem des Buches in seiner
Kurzatmigkeit. Das lässt sich bei Listen zwar kaum vermeiden, wird aber
hier erwähnt, damit das Buch nicht in den Ruf gerät, eine Art amüsantes
Nachschlagewerk, gar ein Lexikon zu sein. Denn es ist oft nur die halbe Wahrheit,
die dem Leser präsentiert wird. Wer dieses Buch liest sollte sich auf eine
Reise gefasst machen, einen (Über-) Flug über ein Meeresregion –
wer tauchen will, sollte eine andere Karte zur Hand nehmen.
Ein „toxikologisches Manifest“ der Autoren schließt das Buch
ab. Die dort aufgeführten 10 Punkte fassen den Irrweg des „Krieges
gegen die Drogen“ noch einmal hervorragend zusammen. Fazit: In Zeiten
der Lexika- und Listenmanie ist das Werk ein weiteres schönes Sammelsurium,
das einige Mythen aufklärt und andere erst schafft. Endlich dürfen
Anekdoten und Wissenschaft miteinander spielen.
Ingo Niermann, Adriano Sack: Breites Wissen.
Die seltsamen Wege der Drogen und ihrer Nutzer
Eichborn Berlin Verlag 2007
180 Seiten
14,90 Euro
ISBN: 978-3-8218-5669-8
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