Teil 5
Abraham, Mose, Isaak: Urtümliche Gestalten mit langen Bärten und
strenger Miene. Das jüdische Leben ist voller Gebote, bleibt da Platz für
den Rausch?
Das Judentum ist eine Religion der Schrift. Das wichtigste Buch der Juden,
die Tora, vereinigt die fünf Bücher des Propheten Mose mit 613 Geboten.
Will man korrekt nach jüdischem Glauben leben, gibt es eine Menge zu beachten.
Und um das gleich vorweg zu nehmen: Über wilde Feste zur Huldigung Jahwes
oder rauschhafte Rituale, um dem eigenen göttlichen Funken näher zu
kommen, steht in der Tora nichts. Ist der Judaismus ein gänzlich nüchterner
Glauben? Ganz so einfach ist es nicht.
Etwas Geschichte führt auf den richtigen Weg: Alle drei großen monotheistischen
Weltreligionen, Judentum, Christentum und Islam, wurzeln im Alten Testament
und berufen sich auf Mose. Kein Wunder, denn die Familienverhältnisse sind
klar: Der Prophet Mose ist, wie Mohammed und Jesus, ein Nachfahre von Abraham.
Dieser zeugte mit seiner ersten Frau den Ahnherrn der arabischen Stämme,
nämlich Ismael, und mit der zweiten Frau Isaak, den Ahnherrn der jüdischen
Stämme.
Die Geschichte von Moses ist, ähnlich wie das Nibelungenlied oder Homers
Odyssee, eine Legende mit historisch wahrem Kern. Jahwe, der jüdische Gott,
spricht zu Mose und erteilt ihm den Auftrag, den Volksstamm der Hebräer
aus dem Elend Ägyptens herauszuführen. Und zwar in ein Land, „in
dem Milch und Honig fließen“. Moses führt das Volk über
40 Jahre lang durch die Wüste, etabliert dabei den Glauben an Jahwe, bringt
die ganze Truppe schließlich nach Palästina und gründet Jerusalem.
Auf diesem Mythos stützt sich die Identität der Juden bis heute, er
ist in seiner Bedeutung kaum zu überschätzen. Umso schwerer wog die
Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n. Christus und die darauffolgende Verbannung.
Während im Christentum der Messias und das Leben nach dem Tod im Zentrum
aller Heilserwartungen steht, gilt für die Juden die Befolgung der Tora
als Heilsweg. Nur ein Leben nach ihren Weisungen ist ein Leben nach dem Willen
Gottes. Die wichtigsten Dinge sind bereits auf Erden zu erledigen. Alkohol,
Cannabis und andere Drogen lenken aus dieser Sicht nur von einem konzentrierten,
Gott und dem Tora-Studium gewidmeten Leben ab. Soweit die Theorie.
Im Laufe der Jahre entwickelte die jüdische Kultur strikte Hygiene- und
Ernährungsvorschriften. Das heute geflügelte Wort „koscher“
steht auch in Beziehung zu Substanzen, die berauschend wirken. Sie sind der
überwiegenden Meinung nach nicht koscher. Es gibt viele Juden, die sich
durchaus als gläubig bezeichnen und trotzdem Wein trinken oder ab und zu
einen durchziehen. Einige progressive Rabbiner plädieren für eine
Normalisierung im Umgang mit Rauschdrogen, vor allem Cannabis. Das ist nicht
nur eine Anerkennung der Tatsache, dass die israelische Ecstasy-Affinität
und die Feierfestigkeit israelischer Neo-Hippies weltweit legendär ist.
Es ist auch ein Zeichen für die Autonomie der jüdischen Gemeinden
auf der Welt.
Denn es ist kein einziges Oberhaupt, als vielmehr eine große Anzahl von
Rabbiner, die die Tora auslegen. Die dazugehörige Gemeinde muss folgen.
So kommt es zu durchaus unterschiedlichen Interpretationen der heiligen Schriften.
Aber wer jetzt schon den Koffer packt: es sind keine Gemeinden bekannt, die
den Gebrauch psychoaktiver Substanzen billigen.
Die nüchterne Sicht auf das Erdenleben pflanzt sich in der Diskussion um
Cannabis als Medizin fort. Hier gibt es mittlerweile offizielle Stellungnahmen
von Rabbinern in den USA, die den Einsatz von therapeutischem Hanf offen befürworten.
Es ist wie so oft bei der Betrachtung von Religionen: Schon über die korrekte
Auslegung der alten Schriften wird gestritten, über die korrekte Lebensführung
noch mehr. Das Judentum glänzt heute mit Altgläubigen und Progressiven,
Nationalisten und Pazifisten, Rationalisten und Mystikern. Das Judentum ist
kein Block, wie die Antisemiten immer meinen, es existieren keine festen Hierarchien
und natürlich auch keine jüdische Weltregierung. Im Gegenteil, in
vielleicht keiner anderen Religion ist die Vielfalt von Meinungen und Ansätzen
so ausgeprägt wie im Judentum.
Vergangenheit
Die mystischen Zweige der jüdischen Kultur, wie Merkabah, Kabbala und Chassidismus
bemühen sich seit Jahrhunderten um die direkte Beziehung des Menschen zu
Gott. Aber auch diese Traditionen verbleiben auf „vernünftigen“
Ebenen, von ritualisierten oder etablierten Räuschen ist nichts bekannt.
Es gibt zwar Textstellen in der Tora, in denen „kaneh-bosm“ eine
Rolle bei der letzten Ölung spielt. Noch ist aber nicht geklärt, ob
es sich dabei um Cannabis oder Kalmus gehandelt hat (der allerdings im Orient
damals unbekannt war). Wie auch immer: Es dürfte klar sein, dass die frühen
Hebräer den Hanf als Faserpflanze kannten. Ob sie ihn allerdings als Rauschmittel
genutzt haben, ist zumindest zweifelhaft.
Daniel Sieradski, der zur Zeit an einem Buch über „Judentum und Drogen“
schreibt, sucht seit Jahren nach den spirituellen und entheogenen Wurzeln des
Judaismus. Er sagt: „Man findet hier und da unklare Hinweise, aber eine
spezifische Ritualkultur scheint es nicht gegeben zu haben; es sei denn, sie
haben sich gut getarnt.“
Nur der Konsum von Wein hat sich in den religiösen Praktiken bis heute
halten können. Am Abend vorm Sabbat, dem jüdischen Wochenruhetag,
wird im Rahmen einer Zeremonie (Kiddusch) ein Glas Wein gereicht – und
auch getrunken. Dieser dient in der Interpretation einiger Rabbis durchaus dazu,
die spirituelle Sensitivität zu erhöhen. Ein ausgelassenes Fest soll
das aber nicht werden.
Bei jüdischen Hochzeiten gehört Wein ebenfalls zum Ritual. Feiern
ist seit Urzeiten beliebt. Baal Shem Tov, ein osteuropäischer Rabbi, propagierte
Musik und Tanz als Mittel Gott auf freudige Weise näher zu kommen. Auch
Sexualität ist im Judentum keine unreine oder gar unspirituelle Angelegenheit.
Die Faszination an der körperlichen Liebe, so glauben viele Juden, hängt
auch mit dem göttlichen Funken darin zusammen.
Vorläufiges Fazit: Das Judentum lebt gut mit dem Widerspruch, eine rationalistische
Religion zu sein. Rauschmittel allerdings, denen die Tendenz innewohnt, diesen
Rationalismus aufzubrechen und zu erweitern, haben seit je her wenig Chancen.
Theoretisch. Praktisch begeistern sich auch gläubige Juden an der Wirkung
von bewusstseinsverändernden Substanzen.
Dies ist nicht zuletzt daran zu erkennen, dass eine ganze Reihe etablierter
Drogenforscher jüdischen Ursprungs sind. Um nur vier Namen zu nennen: Rick
Doblin (MAPS), Charles Grob, Howard Lotsof, Lester Grinspoon. Aus ihrer Sicht
stehen sie in der Tradition von Heilung, Mitgefühl, der Erklärung
religiöser Erfahrungen und der Transformierung der Gesellschaft.
In Israel tritt politischer Hanf-Aktivismus seit 1999 zu jeder Parlamentswahl
an. Die Ale Yarok- („Grünes Blatt“) Partei setzt sich unter
ihrem Spitzenkandidaten Boas Wachtel vehement für eine Änderung der
Drogenpolitik ein. „Das Drogenproblem darf nicht mehr nur unter dem kriminalistischen
Aspekt gesehen werden. Es ist ein sozial-medizinisches Problem“. Wichtig
sei, die Besitzer von kleineren Mengen Cannabis nicht mehr zu bestrafen und
den Aufzug von bis zu fünf Marihuana-Pflanzen zu erlauben.
Zur Zeit gelten in Israel bis zu 15 Gramm Cannabis als Eigenbedarf, der allerdings
mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden kann. Das kommt selten
vor, es ist wie in anderen Industrienationen auch: Über die Hälfte
der (jährlich rund 20.000) Drogendelikte geht auf den Kleinstkonsum von
Haschisch oder Marihuana zurück. Die meisten Fälle davon enden nicht
im Gefängnis, sondern als Kurzeitfeger im Park.
Es wurde viel darüber gestritten, ob der Ansatz, dass die drei großen
Weltreligionen keine anderen Götter neben sich dulden, der Hauptgrund für
Kriege im Namen des Glaubens ist. Beispielsweise war ein gewisser Antijudaismus
Grundlage der Theologie der christlichen Kirche. Die katholische Kirche definierte
sich lange über die Ablehnung des Judentums, von weltlichen Herrschern
wurde diese Tendenz nur zu gerne aufgenommen, um die Juden im Laufe der Jahrhunderte
immer weiter ins gesellschaftliche Abseits zu drängen.
Gleichwohl erlebte Anfang des 20. Jahrhunderts das deutsche Judentum seine Blüte.
Zum ersten Mal seit dem Mittelalter waren alle rechtlichen Benachteiligungen
aufgehoben. Um 1910 wohnten fast 620.000 aller deutschen Juden in Berlin. Mehr
als 60 % gehörten zum mittleren und gehobenen Bürgertum, nur wenige
lebten in Armut. Wieder einmal kam Neid auf, unterfüttert von neuen, biologischen
Argumenten, die Juden als minderwertige Rasse diffamieren. Die Folgen sind bekannt:
Latenter Antisemitismus und blinder Gehorsam führten unter Adolf Hitler
zur größten Katastrophe des 20. Jahrhundert, dem Holocaust.
Gegenwart
Inzwischen mehren sich in den USA Stimmen, die das Ziel, die amerikanische Gesellschaft
von Drogen zu befreien, für weltfremd halten. Balfour Brickner ist emeritierter
Rabbi der Stephen-Wise-Free-Synagoge in Manhattan und hat sich mit anderen Rabbis,
muslimischen Imamen und christlichen Geistlichen zur Vereinigung der „Religious
Leaders for a More Just and Compassionate Drug Policy” zusammengeschlossen.
„Es ist finanziell, moralisch und religiös gesehen falsch, Menschen
dafür einzusperren, dass sie Drogen nehmen. Das löst das Problem nicht”,
sagt er. „Amerikanische Politiker leben in dieser Frage vollkommen an
der Wirklichkeit vorbei. Sie sind ängstlich, dumm, und sie irren.”
Die israelische "Green Leaf" Partei, die die Legalisierung von Cannabis fordert, stellt jüngst fest, dass Cannabis während des Passah-Festes nicht koscher ist (hier der Link).