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Veröffentlicht unter
www.ottensen.de (Echolot 10/2000)
Rundgang in Ottensen III
Ottensener Hauptstrasse, Bahnhof und Stuhlmann-Brunnen
Spät Abends spielt Ottensen seine Vorteile aus. Die
hektischen Renner sind in ihre Wohnwaben zurück gehastet, die Waren der Händler
und Höker liegen schwach erleuchtet im Schaufenster, eine leichte Mattigkeit
liegt über dem Viertel. Ein weiterer Tag im sonnigen Spätkapitalismus ist
vorüber und die Gewinner und Verlierer dieses Spiels um Geld und Ruhm sortieren
sich. Wer nicht vor der Glotze hängen bleibt und lieber das Kopfsteinpflaster
spürt, will sich amüsieren. Die Nachtarmada rüstet sich zum Kampf gegen
Langeweile. Und los geht´s.
Was lässt die ausländischen Imbiss-Besitzer bei der
Einrichtung ihres Ladens mit sicheren Griff zur Neon-Röhre greifen? Wollen sie
ihre weißhäutigen Gäste besser sehen? Oder ihre Köfte? Sie sollten doch wissen,
dass selbst in Ottensen nur die Simulationsräume urdeutscher Gemütlichkeit die
Kasse zum rattern bringen. Das hintergründige Summen dieser
Operationssaal-Illumination scheint den Türken im weißen Kittel heute in eine
Art Kontemplation zu versetzen. Mit verträumten Blick wetzt er seine
Giros-Machete. Woran denkt er? Hüpfende Lämmer, wackelnde Hüften oder The
Green, Green Grass of Home? Egal. Mit sicherem Schnitt trennt er das
Pressfleisch vom Giros-Spieß. Ich freue mich: Gleich wird die brennende Würze
den Faden Geschmack des Schlachthof-Abfallprodukts übertünchen und mit dem
Krautsalat tue ich mir auch noch was Gutes. Jedenfalls dann, wenn nicht die
Hälfte auf dem T-Shirt landet. Irgendwie wahrt mein ausländischer Freund gerne
den Abstand. Lächeln ist selten, aber seine Frage "Mit alles?" ist
mir ans Herz gewachsen. Und deswegen antworte ich seit Jahren zärtlich mit
"Ja, nur kein Rotkohl bitte". Die Psychoanalyse hat die Kunst der
Übertragung ja leider ins Pathologische abgeschoben, aber dieser Mann hier ist
für mich nach einem Tag am Schreibtisch der erste Beweis für die Widerlegung
der Einsamkeit. Ich zahle.
Der Musikant sitzt auf seinem Gitarrenkoffer und
dreht sich eine Zigarette. Er hat den ganzen Tag gearbeitet und deswegen gibt
es zum Tabak ein Holsten. Er sieht traurig aus und seine Lieder klingen so.
Sehnsucht - aber wonach? Wünscht er sich eine Frau, die ihm abends die
vorgewärmten Puschen an den Fernsehsessel bringt? Oder hat er genau diese
Szenerie satt gehabt? Verdammte Anonymität der Großstadt - würde ich auf dem
Land wohnen wüsste ich wahrscheinlich sogar seine Schuhgröße. Auch deswegen
muss man doch öfter auf eine allzu einnehmende Arbeitswelt motzen: Die Leute
haben keine Zeit füreinander - sie werden mitgerissen im Fluss von Information
(die morgen nix mehr wert ist), von Aufträgen (die morgen storniert werden),
vom Glauben der Unersetzbarkeit (und morgen wird ihnen gekündigt). Und die
Werbeindustrie impft ihnen täglich neu den Wunsch nach Mehr ein. Proteste gegen
Konsumtempel, wie zum Beispiel damals gegen das Mercado, sind eben nicht nur
letzte punkig-anarchische Zuckungen gegen das Kapital, sondern auch die Angst
vor dem Verlust von Solidarität unter Bewohnern eines Viertels. Wenn nur noch
geldgesteuerte Mutanten durch die Straßen hetzen, dann reißt das unsichtbare
Band, welches Nachbarn, Mitmenschen und Gleich-Tickende zusammen hält.
Eine Ecke weiter höre ich das schnelle Klackern
hochhackicker Damenschuhe. Eine blonde, etwa 45 Jahre alte Frau klackert an mir
vorbei und der Duft ihres Parfums weht in meine Nase. Der zügige Auftritt
erinnert mich an meine Mutter und ihr Bild erscheint vor mir. Wie oft sah ich
sie vom Bahnhof kommen, die Handtasche links, den Einkaufsbeutel rechts. Um
ihren Sohn nicht nur zu versorgen, sondern auch zu sehen, arbeitete sie nur
halbtags. Fünf nach halb zwei kam die Bahn an der Station Mundsburg an und ich
holte sie ab. Kleine, schnelle Schritte machte diese Frau, oft gestresst, aber
meist gut gelaunt. Die italienische Mutteranbetung hat ihr Gutes, erweist sie
doch den Schöpferinnen allen menschlichen Lebens die nötige Ehre. Wie viele
Menschen knüpfen ihre Liebe an Bedingungen - nicht so meine Mutter. Sie glaubte
immer an ihren leicht missratenen Sohn, leitete ihn mit leichter Hand durch
alle Widerstände. "Du hast ein sonniges Gemüt", sagte sie oft - ahnte
sie, dass sich dies aus der Zweisamkeit mit ihr speiste? Und so liefen wir von
der U-Bahn-Station Richtung Wohnung und später trug ich die Taschen.
Der Altonaer Bahnhof liegt unter einer Dunstglocke
von Bier und Rauch. An dieser Relaisstation flitzen die humanen Elektroimpulse
mit Höchstgeschwindigkeit, nirgends wo sonst wird so schnell gegangen wie im
und rund um den Bahnhof. Die Geschwindigkeit bringt es mit sich: Hier kennt
wirklich keiner mehr den anderen und der Kopf wird ungern zum Blickkontakt
gehoben. Wer hier langsam geht ist verdächtig. Wie dieser Mann mit der
Bierdose. Ist das sein lang ersehnter und gepflegter Feierabenddrink? Oder hält
er sich an der Dose fest? Ohne soziales Ritual scheint mir (s)ein Alkoholkonsum
nicht ganz unproblematisch, aber wer will den Wust der legalen und illegalen
Süchte der modernen Zeit moralisch ordnen? Der Bahnhof spuckt mich am vor dem
Stuhlmann-Brunnen aus. Viel Geld wurde für die Restauration der speienden
Monstranz berappt, das Knäuel aus Tier und Mensch erinnert an den
zusammengefegten Bodenbelag einer Wurstfabrik. Ich denke kurz an eine Petition
an das Bezirksamt: Man möge das Kunstwerk doch bitte in "Stuhlgang-Brunnen"
umbenennen, verwerfe den Plan aber schnell wieder und trolle mich nach Hause.
Jörg Auf dem Hövel
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