telepolis, 23.10.2007
Im Jahre 1992 wunderte sich Frank Baldino. Die eigentlich nachtaktiven Mäuse
in dem Versuchslabor der Pariser Firma Lafon blieben den ganzen Tag wach. Die
Tiere standen unter dem Einfluss einer neu entwickelten Substanz, die gegen
Depressionen helfen sollte. Die chemisch korrekte Bezeichnung für den Wachmacher
lautete kryptisch 2-Diphenylmethyl-Sulfinyl-Acetamid, kurz „Modafinil“
genannt.
Baldino hatte 1987 in den USA die Pharma-Firma „Cephalon“ gegründet
und war in Paris auf der Suche nach einem neuen, aufputschenden und vor allem
verkaufsträchtigen Medikament mit wenig Nebenwirkungen. Er entschloss sich
Modafinil zu lizensieren. 2006, genau 13 Jahre nach der Lizenzierung, nahm Baldinos
Firma bereits jährlich 727 Millionen Dollar alleine mit Modafinil ein.
Generika-Hersteller sind in ihre Schranken gewiesen worden, Cephalon kann Modafinil,
das in den USA unter dem Namen Provigil (Deutschland: Vigil) über den Tresen
geht, bis 2011 ungestört verkaufen.
Der Erfolg von Cephalon und Modafinil gilt als Blaupause für die Etablierung eines so genannten „cognitive enhancers“ im Markt, einer Hirnpille, die nicht nur aufmerksam, sondern auch schlauer machen soll. Ursprünglich gegen die plötzlichen Schlafattacken von Narkoleptikern zugelassen, mausert sich das Medikament seit einigen Jahren zum Alleskönner. Aber was kann die Substanz wirklich?
Erster Anlauf
27.7.2007, 16.00 Uhr
Das Wochenende naht, aber es liegt Arbeit auf dem Schreibtisch. Schrecklich
schwere Artikel für die Telepolis? Nein, wildes Geschreibsel für einen
Newsletter. Ich nehme die erste 200mg Dosis Modafinil meines Lebens. Set und
Setting sind hervorragend: Gut ernährt, drei Wochen Urlaub in Griechenland
hinter mir, eine gesunde Frau, Familie und Freunde gut in Futter. Nun will ich
leisten und dabei auch noch schlauer werden. Ich bemühe mich möglichst
nicht auf die Wirkung zu achten, die muss schon von alleine kommen.
17.30 Uhr
Leichte, subjektiv empfundene Temperaturerhöhung. Ich arbeite normal weiter.
Zügig und gekonnt, wie immer. Weder bin ich schneller an der Tastatur,
noch sprudeln besonders brillanten Sätze aus mir in den PC.
19.00 Uhr
Nun ja, zwei Tassen Kaffee würden mich aufgeweckter, aber auch nervöser
machen. Ein ganz subtile Wachheit ist da, gänzlich ohne Euphorie, ohne
Schub, nichts, was sich nicht sofort wieder abschalten ließe.
20:30 Uhr
Feierabend. Das Kino auf der Leinwand erlebt sich nicht anders. Und das bei
dem Simpsons-Film. Behalte ich mehr als sonst? Vielleicht ist es auch das eine
Duff-ähnliche Bier, das mich etwas träge macht. Alkohol scheint kontraproduktiv.
Danach jedenfalls ist mir in der Helligkeit wohler.
22.00 Uhr
Sozial voll verträglich. Ich plaudere ohne besonders eloquent zu sein.
Aber manchmal schaue ich mich um und merke: irgendwas ist anders.
22.15 Uhr
Plötzlich leichtes ziehen im Unterkiefer, eine Erinnerung an das MDMA der
späten 80er Jahre. Allerdings ohne dessen aufwallende, schwitzende Gefühlsschübe.
Wahrscheinlich jubeln jetzt die Vertreter der Flashback-Theorien auf. Tja, jede
wirklich gute Erinnerung setzt sich halt fest und wird eventuell mal wieder
rausgekitzelt.
22:45
Ich beobachte schon etwas schärfer, oder bilde ich mir das nur ein? Ein
Grundproblem von Modafinil. Vielleicht hätte ich keinen grünen Tee
beim Asiaten trinken sollten. Aus dem Essen kommen keine Würmer, „Langweilig“,
wie Homer Simpson sagen würde. Ich gähne zu dritten Mal. Ist es das
Gefühl, bevor aus gleich richtig abgeht? Nein.
23 Uhr
Ich schaue Ottis Schlachthof auf Bayern 3. Ein sicheres Zeichen, dass ich nicht
normal bin. Oder lockt mich der intellektuelle Humor? Unklar.
23.30 Uhr
Ich lese.
1:45 Uhr
Immer noch wach. Wahrscheinlich könnte ich gut schlafen, aber warum? Ich
dümpel zwischen GTR2-Online Racing und einem Buch über die Lebensgeschichte
eines toskanischen Kaufmanns aus dem 15. Jahrhundert.. Leichtes Hangovergefühl
im Gesicht macht sich breit. Kein guter Atemrhythmus.
2.30 Uhr
Immer noch nicht richtig müde gehe ich trotzdem ins Bett und schlafe sofort
ein. Kleiner Kater am nächsten Tag, eine gewisse Schwere im Körper.
Off-Label Erweiterung
Nach den klinischen Test genehmigte die amerikanische Zulassungsbehörde
FDA 1998 den Einsatz von Provigil bei Narkolepsie. Bei Narkoleptiker verringert
Modafinil die Zahl der plötzlichen Schlafepisoden um ungefähr eine
Attacke am Tag. Eine höhere Dosierung als 400 mg hilft nicht besser. Die
Hälfte der Konsumenten leiden unter Kopfschmerzen, andere Störwirkungen
können Übelkeit, Schwindel und Durchfall sein.
Schon vorher hatte Cephalon aber nicht nur Kontakt zu Neurologen aufgenommen,
die das unbekannte Medikament zukünftig verschreiben sollten. Mit einer
Marketingkampagne sorgte man für die Verbreitung auch bei Ärzten anderer
Fachrichtungen. In einer Broschüre wurde auf die hervorragende Wirkung
von Modafinil auch bei anderen Krankheiten hingewiesen. Lange Zeit hielt die
FDA die Füße still, auch, weil die Substanz als relativ ungefährlich
gilt und in dem Ruf steht, auch bei lang anhaltender Anwendung nicht abhängig
zu machen.
2002 wurde es der Behörde zu bunt, man rügte die aggressiven Werbemethoden
von Cephalon, Ende 2004 ermittelte sogar der Bundesstaatsanwalt. Das Problem:
Die Gesetze verbieten Unternehmen die Anpreisung ihrer Mittelchen für andere
Indikationen als die von der FDA genehmigten; man kann aber nicht verhindern,
dass Ärzte auf eigene Faust experimentieren.
Zwar weiß bis heute keiner ganz genau wie die Droge im Körper funktioniert,
das hindert aber gerade in den USA wenig Ärzte Provigil bei allerlei Wehwehchen
zu verschreiben: Chronische Müdigkeit, Schläfrigkeit, Herzfehler,
Jet-Lag.

Baldino weiß: Inzwischen erzielt Cephalon die Hälfte aller Provigil-Einnahmen
aus diesem legalen, aber argwöhnisch beobachteten „Off-Label Use“.
Und dieser ist nicht nur bei Modafinil das Einfallstor für den Einbruch
in neue Märkte.
Zugeben darf das niemand. In der Cephalon-Niederlassung in Martinsried bei München
zeigt man sich daher zugeknöpft, wenn es um Auskünfte rund um Modafinil
geht. „Kein Kommentar“, heißt es.
Noch wandelt Baldino sicher durch das Minenfeld des amerikanischen Kontrollsystems.
Einerseits will er die FDA dazu bringen die Liste der Indikationen für
Provigil zu erweitern, andererseits will er deren Ängste zerstreuen, die
Substanz könne sich zur Lifestyle-Droge mausern. Dass dies längst
geschehen sei, suggerieren Medienberichte, aber solide Studien über die
Verbreitung der Substanz zur reinen Optimierung der Lebensleistung liegen nicht
vor.
Aufmerksamkeitsstörung
Bis heute ist Modafinil als Mittel gegen Schlafapnoe- und Schichtarbeit-Syndrom
in den USA zugelassen, aber Baldino, der seine pharmakologische Karriere bei
DuPont begann, hatte schon früh ein nächstes Marktsegment ausgeschaut.
In den USA boomt bei Kindern seit den 90er Jahren die Zappelphilip-Diagnose,
als Mittel der Wahl bei ADHS gilt trotz aller Diskussionen noch immer Ritalin
(Methylphenidat). Novartis setzte 2006 über 330 Millionen Dollar allein
mit diesem Medikament um. Studien hatten ergeben, dass auch Modafinil beim Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Syndrom
helfen kann. Die Analysten freuten sich schon, als sich die Gerüchte verdichteten,
die FDA würde Cephalon die Vermarktung als Anti-ADHS-Mittel unter dem Namen
„Sparlon“ genehmigen. Im September 2006 kam die Ernüchterung:
Die FDA erteilte den Plänen eine Abfuhr, es war zu einem Fall von arzneimittelallergisch
bedingten Hauterkrankung gekommen bei einem Probanden gekommen.
Für Provigil gilt: Die Substanzgruppe ist wirklich neu und kein sonst wie
geartetes Derivat der Amphetamine, Alkaloide oder gar serotoninverwandten Halluzinogene.
Dieser Umstand schiebt es zunächst einmal aus den Fokus der Drogenkontrollinstitutionen.
Und Langzeitwirkungen konnten noch nicht erforscht werden. So ist die Aufregung
unter Experten und Off-Label-Usern groß, selbst nüchterne Wissenschaftler
wie Danielle Turner von der Universität Cambridge sprechen von einer „vielversprechenden
Substanz“.
Friendly Fire
Die Euphorie der ersten Modafinil-Studien zog schon früh das Interesse
der Streitkräfte an. Aus militärischer Sicht ist der Mensch eines
der schwächsten Instrumente der Kriegsführung. Er braucht Essen, Wundversorgung
und den Glauben, dass sein möglicher Tod der guten Sache dient. Und er
braucht Schlaf, zufiel Schlaf, denn ohne Schlaf macht er Fehler.
Die Untersuchung eines Zwischenfalls in Afghanistan im Jahre 2002 zeigte das
deutlich. Zwei Amerikanische Piloten hatten damals vier kanadische Soldaten
unbeabsichtigt getötet. Vor dem Kriegsgericht gaben die Anwälte der
Piloten an, dass ihre Mandanten zur Zeit des Unfalls unter dem Einfluss von
Dexedrin standen. Anders formuliert: Sie waren auf Speed, dem klassischen Amphetamin,
ein beliebter Stoff seit den Schlachten des 2. Weltkriegs.
Für Normalbürger verboten, ist Speed für das Funktionieren der
US-Streitkräfte elementar. Dr. Pete Demitry, Arzt bei der Luftwaffe und
selber Pilot, sagte während einer Pressekonferenz zu dem Kriegsgerichtsverfahren:
„Die Air Force nutzt Dexedrin seit 60 Jahren. Und wir wissen, dass es
sicher ist, weil wir nie einen Zwischenfall hatten, der nachweislich in kausaler
Beziehung zu dem Anregungsmittel stand.“
Speed
Es ist eine weitere Ironie der Drogenpolitik, dass 60 Jahre militärische
Anwendung anscheinend nur fröhlich-konzentriert aufgeputschte Soldaten
erlebt haben soll. Und das wo doch Amphetamin in den USA immer wieder als Horrordroge
bezeichnet wird („Speed kills“).
Tatsächlich ist die häufige Einnahme von Amphetamin gesundheitsschädlich,
das Militär sucht nach Alternativen – und Modafinil ist eine davon.
Die DARPA (http://www.darpa.mil/) hat 100 Millionen Dollar für ein Forschungsprojekt
bereit gestellt, das im Ergebnis die kognitiven Leistungsfähigkeit der
Soldaten während lang andauernden Schlafentzug erhalten soll.
Air Force und Cephalon sponsorten eine Studie der Harvard Universität,
in der 16 gesunde Probanden 28 Stunden ohne Schlaf auskommen mussten. Die Personen
mit Modafinilbeigabe schnitten in den kognitiven Tests besser ab als die mit
Zucker-Placebo. Weltweit waren die Generäle begeistert. 2004 gab das britische
Verteidigungsministerium zu, seit 1998 über 24.000 Tabletten Modafinil
eingekauft zu haben. Die Verwendung blieb im Dunklen, auffällig war allerdings
laut Guardian
die jeweilige Bestellung größerer Mengen vor dem britischen Engagement
in Afghanistan und Irak.
Zweiter Anlauf
4.8.2007, 18.00 Uhr
Eine Open Air Party in Norddeutschland, der Techno-Beat wummert seit 18 Stunden,
es ist aber erst Samstag. Der Blister knackt, 200 mg rein damit. Heute geht
es weniger um das Steigern von Arbeits- und Kurzzeitgedächtnis, sondern
um gute Unterhaltung im doppelten Sinne: Entertainment und Kommunikation. Zudem
lässt sich das Wirkspektrum einer Substanz in der fiebrigen Atmosphäre
einer vollelektronischen Goa-Party besser abtasten.
18.30 Uhr
Wenn es denn was abzutasten gibt. Obwohl gut ernährt rumort der Magen und
entleert sich in einem chemisch angehauchten Schiss im nahe gelegenen Maisfeld.
Ist es die Pille oder die Aufregung?
19.45 Uhr
Ich fuhrwerke auf der Tanzfläche rum, Musik und Erleben sind großartig,
aber im Normalbereich. Nur mit sensiblen Antennen lässt sich ein Verschieben
optischer Frequenzen ausmachen. Oder sind das die Haschischschwaden, die über
das Feld wabern? Auch beim zweiten Versuch erweist sich die Mischung mit Alkohol
in den ersten Stunden als unklug. In der polytoxomanen Gesellschaft hier vor
Ort bin ich wahrscheinlich einer der nüchternsten Kandidaten.
21.00 Uhr
Erst nur eine Andeutung wird klar: Modafinil fördert bei mir eine zackige
Roboterhaftigkeit. Die Motorik ist kontrolliert, sehr kontrolliert. So aufmerksam
will ich gar nicht sein, zumindest nicht heute. Das Körpergefühl ist
nicht unangenehm, aber der Fluss der Bewegung wirkt abgehackt. Wie immer bei
Modafinil aber nichts, was sich nicht durch Aufmerksamkeit, in diesem Fall das
Besinnen auf Geschmeidigkeit, wieder in den Griff kriegen lässt.
23.30 Uhr
Könnte „cognitive enhancement“ die Bewusstseinserweiterung
des zweiten Jahrzehnts werden? Eine Art 60er- und 90er Revival? Nein. Dafür
sind die Substanzen nicht einschneidend genug, ihnen geht die Kraft zur psychischen
Ausgrabung völlig ab. Eher wirken Modafinil & Co. wie aus Silikon entsprungene
Banalitäten. Droht die Menschheit zur einer Horde vigilant arbeitswütiger
Spacken zu verkommen?
2.50 Uhr
Gesteigerte Kommunikationsfähigkeit oder Zufall? Auf jeden Fall bleibe
ich an jedem Getränke- und Essensstand auf einen Schnack hängen. Zurück
auf der Tanzfläche brettert der Sound durch die Menschenmassen. Lichtblitze,
feuerspeiende Schönheiten, Mutanten auf Stelzen, Laser-Shiva Animationen,
der Rest ein wild gewordener Schweinekoben. Ein Raver wälzt sich horizontal
im Gras, Konvulsionen, „break on trough to the other side“, nach
Spaß sieht das nicht mehr aus. Vielleicht wäre eine Encounter-Gruppe
in Freiburg der sicherer Ort für solch' eine Abfahrt gewesen.
4.30 Uhr
Ich bin weder hellwach noch getrieben, sondern einfach nur nicht müde.
Na dann, gute Nacht. Nach fünf Minuten bin ich tatsächlich schon eingeschlafen.
Kaum Hangover am nächsten Morgen.
Schubvergleich
Greg Belenky vom „Walter Reed Army Institute of Research“ in Silver
Spring, Maryland, wollte es genauer wissen. Er verglich die Wirkung von Modafinil,
Speed und Koffein an Soldaten, die bis zu 85 Stunden wach gehalten wurden. Sein
Fazit: „Kurz gesagt wirken sie alle ähnlich: Gibt man sie jemanden,
der müde ist, dann fühlt er sich besser. Allerdings wirkt Modafinil
länger als Amphetamin und beide wiederum länger als Koffein.“
Sicher, Modafinil wirkt bis zu 12 Stunden, aber sollte das der einzige Unterschied
gegenüber Speed und Koffein sein? Die Schreiber in den weltweiten Drogenforen
dürften widersprechen und auf die verschiedenen und dosisabhängigen
Effekte auf die Psyche hinweisen. Und natürlich hat auch Modafinil seine
Nebenwirkungen. Je nach Dosierung können Nervosität, Übelkeit,
Reizbarkeit, Zittern, Schwindel, Mundtrockenheit und Kopfschmerzen auftreten.
Höhere Weihen
Soldaten, Studenten und nun sogar die Professoren. Philipp Harvey, Professor
für Psychiatrie an der Emory Universität in Atlanta, erzählte
der Times
vor kurzem freimütig von seiner Modafinil-Affinität zum Überwinden
des Jet-Lags. Seine Kollegin Barbara Sahakian, Professorin für Neuropsychologie
in Cambridge, berichtet von mehreren ihr bekannten Wissenschaftlern, die die
Droge verschrieben bekommen haben, weil sie öfters Zeitzonen überqueren.
Sahakians Mitarbeiterin, Danielle Turner, testete
die Substanz 2003 an 60 gesunden Probanden. Gegenüber Placebo schnitten
sie in einem Test des Kurzzeitgedächtnis signifikant besser ab.
Die genauere Analyse des Turner-Tests relativiert die Ergebnisse: So verbesserte
sich beispielsweise die Werte bei der Mustererkennung und dem Zahlenerinnerungstest
Digit-Span (hier
online), nicht aber beim schnellen Erfassen visueller Informationen und
dem CANTAB-SWM, einer klassischen
Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung. Die Testpersonen waren auf Modafinil
in der Bearbeitungsgeschwindigkeit beim Zahlen-Verbindungs-Test (ZVT) nicht
besser als andere. Man vermutet daher, dass die Leistungssteigerungen auf einer
verlangsamten Reaktion beruhen: „Es sieht so aus“, sagt Turner,
„als ob die Probanden durch das Modafinil etwas länger nachdenken,
bevor sie antworten.“
Ist das alles die Aufregung wert? Es existieren pharmakologische Studien mit
vergleichbaren Design, die andere Substanzen nutzten. Das Arbeitsgedächtnis
wird ebenfalls durch Noradrenalin-
und Dopamin-Agonisten (link)
positiv beeinflusst. Selbiges gilt für die bekannten Stimulanzien wie Methylphenidat,
bekannt als Ritalin, und sogar Amphetamin (link).
In Leipzig erforschten die Universität Leipzig und das Max-Planck-Institut
für Kognitions- und Neurowissenschaft die Substanz (link).
Auch hier fand man in einer doppelblinden und randomisierten Studie eine leicht
verbesserte Leistungsfähigkeit in Tests des Kurzzeit- bzw. Arbeitsgedächtnis.
Wie das?
Der weltweite Wissenschafts-Hype um die Substanz steht auf schwachen Beinen,
denn der Mechanismus, nach dem Modafinil im Körper funktioniert ist noch
immer weitgehend ungeklärt. Obwohl millionenfach verschrieben bleibt der
pharmakologische Grund für den stimulierenden Effekt der Droge im Dunklen.
Während Forscher wie Luca Ferraro die steigernde auf den Glutamathaushalt
und verringerte GABA-Ausschüttung verantwortlich sehen (link),
wollen andere die Veränderung des Hypocretin-Levels als Ursache ausgemacht
haben. Es gibt Hinweise, dass der Hypocretinhaushalt bei Narkolepsie gestört
ist. Wieder andere Wissenschaftler weisen auf die indirekte Stimulation von
Noradrenalin und anderen Neurotransmittern am Alpha-1 Rezeptor hin (link).
Dafür spricht, dass bestimmte Alpha-1 Blocker wie Prazosin die Wirksamkeit
von Modafinil beeinträchtigen.
Fest steht: In Internet-Foren
(und link) äußern
sich User nicht nur euphorisch über die Substanz. Narkoleptiker sprechen
von erheblichen Nebenwirkungen, Off-Label- und illegale Tester von einer Beeinträchtigung
des Sprachvermögens oder der Kreativität (link).
Anderen gefiel das „medikamentöse Dauerhoch“ (link)
nicht.
Dritter Anlauf
Dienstag, 21. April 2007, 11.00 Uhr
Sollte denn die innere Einstellung zu einem Medikament eine Rolle bei dessen
Wirkung spielen, dann hat Modafinil bei mir wenig Chancen. Die bisherigen Versuche
zeigten mich zwar als vigilen, aber genauso töffeligen Menschen. Schachgroßmeister
werde ich nicht mehr.
11.30 Uhr
Gute Idee, ich spiele eine Runde Schach gegen den PC, der mich aber wie immer
gekonnt abfiedelt.
13.35 Uhr
Leicht fickerig, wie der Experte sagt. Dazu das inzwischen bekannte flaue Gefühl
im Magen. Alles nur subtile Erscheinungen. Das Basteln an html- und css-code
geht leicht von der Hand.
16.00 Uhr
Mir schwant, dass Modafinil seinen Platz vor allem dort finden wird, wo wenig
Kreativität und viel Arbeitsleistung gefragt ist.
19.00 Uhr
Ein normaler Arbeitstag geht dem Ende zu. Wäre da nicht dieses zarte Ziehen
in der Gesichtsmuskulatur, das eine Richtung hat: Nach vorne. Das physische
Resultat der beharrlichen Fokussierung auf den Monitor, bilde ich mir ein.
23.00 Uhr
Die Substanz fordert schon Aufgrund ihrer Schlichtheit zur simplen Kosten-Nutzen-Abwägung
auf. Zunächst ein individueller Prozess: Modafinil ist stärker als
Koffein und andere milde Pusher, die Fokussierung enger. Sieht man vom durchaus
beeinträchtigten Körpergefühl ab, bleibt die Substanz in ihrer
psychischen, vor allem aber emotionalen Wirkung subtil. Merkfähiger oder
gar kreativer macht sie nicht, eher breitet sich Fließbandatmosphäre
im geistigen Raum aus. Gut, wenn Narkoleptiker von einer Substanz mit wenig
Nebenwirkungen profitieren können. Als gesunder Mensch werde ich mich weiterhin
eher auf die seit Jahrhunderten erprobten, naturnahen Wirkstoffe verlassen.
Spiegelkabinett
Um weiterhin kräftige Gewinne zu garantieren griff Cephalon vor kurzem
in die pharmakologische Trickkiste. Man spiegelte und drehte ein wenig am Modafinil-Molekül
und schuf ein Isomer mit gleicher Struktur und Summenformel, aber unterschiedlicher
Konfiguration der Atome. Fertig war Armodafinil, das unter dem Namen „Nuvigil“
im Juni diesen Jahres den Segen durch die FDA erhielt. Das Patent läuft
bis 2023. CEO Frank Baldino ist zufrieden: „Die Zulassung von Nuvigil
erlaubt es uns, die Spitzenposition im Bereich der Wachsamkeit zu halten.“
Die Substanz wirkt länger, Wissenschaftler testen schon den Einsatz bei
weitere Krankheiten. Nun sollen sogar Menschen, die an Depression oder Schizophrenie
leiden, von dem Mittel profitieren.
zurück zur Startseite von Jörg Auf dem Hövel mit weiteren Interviews und Artikeln