HanfBlatt,
November 2003
Golfplatz-Einweihung mit
Manni
Im Buschbrand der gegenseitigen
Abhängigkeiten von Freizeit-Fabriken, Promis und
Journalisten.
Der dunkle Anzug ist zu warm, schwitzend wanke ich in den
Fahrstuhl. Abfahrt zum Bussi-Bussi. Ich weiß nicht, was
mich auf der Terrasse des verbrauchten Strandhotels
erwartet. Nun gut, den offiziellen Anlass habe ich
erfahren: es geht um das Stopfen von nahe gelegenen 18
Löcher im Rasen - ein Golfplatz wird eröffnet. Dafür müsste
man sich nur eine halbe Stunde nehmen, hier aber haben sich
für die nächsten drei Tage A- und B-Promis aus der gesamten
Republik angekündigt. Dazu sind Vertreter aus den
Hochglanzmedien und PR-Berater angerauscht. Sie alle wollen
in einem norddeutschen Seebad den Knospen ihrer Zunge
folgen, Sonne anzapfen und ihren Hüftschwung justieren,
kurz, sich auf Nass verlustieren, vulgo: die Eier schaukeln
lassen.
Um der Situation gewachsen zu sein, habe ich meinen Kahn
mächtig mit marokkanischen Pfefferminzblüten vollgeladen
und meine liebliche Begleiterin sitzt im gleichen Boot.
Gleißend brennt daher die Abendsonne auf die
Kieselsteinplatten, auf denen 50 Paar schwarze Schuhe
scharren. Eine Sonnenbrille wäre kommod, wohl aber ein zu
deutliches Zeichen gewollt-cooler Distanz. Die PR-Dame
kommt auf uns zugewieselt, "ahh, die Hamburger, hier rüber,
kommen sie hier rüber, zur Hamburger Gruppe". Flugs haben
wir einen Sekt in der Hand, perlendes Gold, das Fraktale
auf das Kleid meiner Muse wirft, und werden zu sechs
Stehgeigern bugsiert, die in Plauderhaltung im Kreise
stehen. Dieser öffnet sich den Fremdlingen, aber aus dem
Auge des Zyklons weht kalter Wind uns entgegen. Man gibt
sich vornehm, eine probates Mittel die eigene Unsicherheit
zu tarnen.
Von Hochlandgemüse innerlich aufgewühlt auf unbekannte
Mitbürger zu treffen, birgt immer die Gefahr unfunky drauf
zu kommen. Mund und Magen wollen rülpsend tief empfundenen
Dünnsinn von sich geben, während der innere, rationale
Obermufti und Bedenkenträger Befehle der sozialen Normen
brüllt. Rechnen kann man nicht mehr, aber zurechnungsfähig
will man sein. Anders ausgedrückt: Kiffen kann unsicher
machen. Objektiv betrachtet eine drollige Zwickmühle, in
der konkreten Situation ein Abenteuer, was schon für
manchen Horrortrip sorgte.
Erfahrung tut hier Not, so weiß ich, dass ich mich zwar wie
Fidel Castro fühle, aber nicht so aussehe. Mein Sektglas
wirkt dabei wie eine rettende Rehling im Sturm. Smalltalk.
Ein Blick in die Runde und plötzlich nimmt eine innere,
alte Kraft von mir Besitz. Entgegen aller ungeschriebenen
Gesellschaftsverträge spüre ich Begeisterung aufwallen, ein
Gefühl von Jugend, eine Erinnerung an sportliche Ekstase,
an Männerschweiß, an den von meiner Oma gestrickten
Fanschal; dazu jucken ausnahmsweise nur meine Füße.
Zusätzlich bin ich erleichtert über den alsbald folgenden,
hoffentlich entkrampfenden Integrationsakt in die illustre
Runde. Viel zu laut platzt es feucht aus mit heraus: "Das
ist doch Manni Kaltz!" Köpfe drehen sich, Aufmerksamkeit
ist gesichert. Ich merke das nicht, überbrücke mit einem
Ausfallschritt das Auge des Zyklons und stoße mein Glas an
das meines überraschten Gegenübers. Ein klicken, ein
sprudeln, ich fahre fort: "Wie geil, Manni Kaltz, ich
glaub´ das nicht." Der Mann mit dem sauber gekürzten
Vokuhila bleibt ruhig, denn "der Manni redet nicht so
gerne", wie ich später erfahre.
Schweigen, leichtes Entsetzen sogar, aber mein Verzücken
kommt weiter in Rage. Ich stoße meiner schönen Begleiterin
mit dem Ellbogen in die Seite, zeige mit dem Glas auf den
Fußball-Heroen und fahre fort: "Ahh, das waren noch Zeiten,
sie auf Rechtsaußen, dann Banane, und dann das
Fußballungeheuer, hach, so wird heute gar nicht mehr
gespielt. Unvergesslich, das 5:1 gegen Real Madrid. Zwei
Dinger haben sie da reingesemmelt, oh Mann, wie geil." Doch
der Flankengott, der 69fache Nationalbuffer, die Legende
vom HSV, dieser Manfred Kaltz, brummelt nur einige
undeutliche Worte und so langsam komme ich von meiner Wolke
runter. Die Menschen um mich sind verstört, peinlich
berührt. Sollte man einen dieser Fußball-Proleten im Nest
hocken haben?
Ehrliche Begeisterung, so steht nach zehn Minuten fest, ist
hier nicht gern gesehen. Und was noch wichtiger ist: Promis
- und solche, die es sein wollen - spricht man nicht an.
Sie sind froh sich mit Ihresgleichen zu sonnen, im Saft
ihrer Erfolge zu schmoren. Wohlgemerkt gilt dies nicht für
Manni, der Mann will einfach nur seine Ruhe haben, ihm ist
Radau um seine Bananenflanken lästig.
Der Ausbruch war kurze Raserei, ich trete einen Schritt
zurück. Die Augen meiner Begleitung liegen
verträumt-ironisch auf mir, der Halbkreis aus Frührentner
schließt sich wieder und wir stehen außen vor. O.k., das
war´s erst einmal. Nebenbei hat der Direktor seine Rede an
die golfende Nation begonnen, er preist die knöcherne
Eichenkultur der Hotelkette. Die verdiente Vor- und
Mitten-im-Kriegsgeneration ist in den Häusern hängen
geblieben, dazu passt eigentlich nicht der Porno-Kanal, der
auf unserem Zimmer nach jedem dritten Schaltvorgang
erscheint. Wahrscheinlich wichst Opi sich den Wicht,
während Omi bei der Pediküre weilt.
Wie gerufen wackelt plötzlich Elke S. ins Bild, blonder
Star der 70er. Die spielt auch Golf? Nein, sie ist Schmuck,
soll der prüden Rasenweihe Glamour und damit Nennung in den
bundesweiten Magazinen garantieren. So ergibt sich der Sinn
der Geselligkeit: Die Freizeit-Fabrik schiebt sich ins
Bewusstsein der Kunden und die Prominenten bleiben im
Gespräch, denn davon leben sie. Die anwesenden Journalisten
salbadern Gutes über die Melange und übermitteln im
Nebensatz die Koordinaten des Geschehens. Die
Public-Relation-Dompteure behalten die Käfigtür im Auge.
Und der Clou: Alle zusammen verbringen ein weiteres
preiswertes Wochenende.
An diesem Kuchen will auch ich nagen, aber mein
fußballhistorischer Ausfall hat uns schon nach zehn Minuten
zu Parias werden lassen. Egal, gleich gibt es Diner. Der
freundliche Direx lädt ein. Die Stimmung ist gut, man kennt
sich von vielen anderen Jubelfeiern. Es ist die gemeinsame
Leidenschaft aller derer, denen beim Tennis zu viele
Rohlinge rumlaufen. "Haben sie noch Sex oder golfen sie
schon?" Wir sitzen am selben Tisch wie Manni, der aber
lässt mir, seinem getreuen Fan, keinen Blick zukommen. In
mir spielen die beiden Mannschaften von FC
Bekifft-Ergötzlich und der Spielvereinigung
Peinigend-Stoned einen harten Ball gegeneinander. Noch
steht es 1:1, aber Peinigend-Stoned übt enormen Druck auf
die Verteidigung von Bekifft-Ergötzlich aus.
Das Essen beruhigt unsere Gemüter, auch meine Begleitung
erlangt so langsam ihre Fassung wieder. Meine
Tischnachbarin, die Redakteurin einer TV-Zeitschrift,
parliert zutraulich, schon fühle ich mich besser. Aber ich
bin getäuscht worden, übel sogar. Denn der Mann der Dame,
irgendeine Schauspielgröße, dessen Name ich vergaß, fragt
sie, was denn das Thema unser noblen Unterredung sei. Nicht
wissend, dass ich der Szenerie lausche, winkt sie mit der
Gabel ab, zieht die schmalen Brauen hoch und sagt: "Ach
nix, völlig uninteressant". Nun will ich nicht eitel
erscheinen, aber das scheint mir doch ein äußerst
dünkelhafter und ungebührlicher Reflex auf meine wohl nicht
klugen, doch aber warmen Worte zu sein. O.k., das war´s
endgültig.
Schade, gerne hätte ich noch weitere Skizzen aus den nun
folgenden Tagen gezeichnet. Ich hätte noch berichten
können, von nicht geouteten Eiskunstläufern, die beleidigt
sind, wenn man sie an den falschen Ecktisch des Festzelts
setzt, vom Streit um kühle Austern und von Menschen, die
nur (!) über Golf reden können. Aber diese Worte wären
dunkel vor Häme, ohne das Licht des freudig-neugierigen
Umgangs untereinander. Was also tun? Den Versuch beenden,
und vorher noch erwähnen, dass wir lieber am Strand den
Wellen folgten, als dort zu sein, wo man sich gegenseitig
nur als Spiegel der eigenen Großartigkeit dient.
Jörg Auf dem Hövel