Hanfblatt Nr 107, Mai 2007
Jörg Auf dem Hövel
Ein Bericht eines britischen Wissenschaftlerteams sorgt für Aufsehen.
Die Forscher ordnen die Gefährlichkeit von Drogen neu ein und fordern eine
gänzlich reformierte Einteilung der Drogenklassen. Hilft das weiter?
Es ist bei vielen Drogen unklar, weshalb sie als besonders gefährlich gelten.
Manche sind eher durch Zufall in die Kontrolllisten geraten, wie beispielsweise
Cannabis, manche sind legal, obwohl sie schädlich sein können, wie
beispielsweise Alkohol. Im Rahmen ihrer Studie fragten David Nutt von der Universität
Bristol und seine Kollegen rund 80 britische Suchtexperten nach ihrer Einschätzung
des Gefahrenpotentials von legalen und illegalen Drogen und Medikamenten, die
sie selbst auswählen konnten. Im angesehenen medizinischen Fachblatt Lancet
(2007, Nr. 369, S.1047-1053) publizierten sie eine Rangliste, die sie als Grundlage
neuer Betäubungsmittelgesetze sehen wollen.
Dazu benannten sie drei Kriterien, welche das Gefährdungspotenzial durch Drogen umschreiben. Dies sind: körperliche Schädlichkeit, die Verursachung einer Abhängigkeit und drittens die soziale Wirkunge, die der Drogenkonsum auf Familie, Bekanntenkreis und Gesellschaft hat.
Herausgekommen ist ein Verzeichnis (s. Abbildung), das in deutlichen Gegensatz zu den weltweiten Anti-Drogen Gesetzen steht. Noch gewohnt sind die Spitzenplätze von Heroin und Kokain. Dann aber folgen schon die Barbiturate, auf Rang 5 steht bereits Alkohol, es folgen Ketamin und Benzodiazapine, fast gleich auf mit den im allgemeinen als gefährlicher eingestuften Amphetaminen. Cannabis steht auf Platz 11. Die Liste soll der britischen Regierung vorgelegt werden und sorgt schon jetzt für Gesprächsstoff. Die Autoren hoffen auf eine Neueinordnung der auf der Insel bekannten Drogenklassen.
In Großbritannien werden psychoaktive Substanzen in drei Klassen eingeteilt, die den Grad ihrer Gefährlichkeit entsprechen sollen. In der Klasse A stehen Drogen wie Heroin, sie gelten als die gefährlichsten Substanzen, in der Klasse C stehen Drogen wie Cannabis und Benzodiazepine (Beruhigungsmittel), sie gelten als die ungefährlichsten Drogen. Dazwischen tummeln sich Substanzen wie Speed, das in Großbritannien eine Klasse B Droge ist. Auch das deutsche Betäubungsmittelgesetz kennt die dreiteilige Einordnung, hier ist von „nicht verkehrsfähigen“, „verkehrsfähigen, aber nicht verschreibbaren“ und „verkehrsfähigen und verschreibungsfähigen“ Betäubungsmitteln die Rede. Die USA arbeiten mit der Klassifikation von Schedule I bis Schedule V.
Die Einteilung in „harte“ und „weiche“ Drogen hat nicht
weit geführt. Sie ist heute unter Experten und Usern umstritten, denn weder
ist Alkohol eine „weiche“, noch LSD zwangsläufig eine „harte
Droge“.
Welchen Sinn könnte nun eine neue Klassifikation ergeben, wie sie Nutt
und seine Kollegen vorschlagen?
Zwei Extreme bestimmen die Diskussion um die Schädlichkeit von Drogen.
Da ist zum einen die Ansicht, es existiere gar nicht so etwas wie eine schädliche
Drogen an sich, es seien Konsummuster und Dosierung, die aus einem Medikament
eine Droge machen. Eine Einteilung von psychoaktiven Substanzen nach Gefahrenklassen
ist aus dieser Sicht unsinnig, weil es immer das (sozial eingebettete) Individuum
ist, dass die Wirkung einer Droge bestimmt. Als Beispiel wird der Wein angeführt,
der eine muntere Abendbegleitung mit sogar gesundheitlich fördernder Wirkung
sein kann – oder aber eben das Gift ewiger Trunkenheit.
Wahrscheinlich spricht tatsächlich wenig dagegen, sich einmal im Jahr in
einer Kurklinik in den Schweizer Alpen reines Heroin spritzen zu lassen. Aber:
Praktisch dürfte eine solche Politik nur zu verantworten sein, wenn eine
Jahrzehnte vorher angelaufene Aufklärung und Ausbildung von Kindern und
Jugendlichen die Signalwirkung in vernünftige Bahnen lenkt. Bislang verwurstet
das Zusammenspiel menschlicher Triebe und sozialer Konsumkultur noch jeden Wunsch
in eine Gier. Es kann vermutet werden, dass erst diese Prozesse geändert
werden müssen, aber das würde eine völlig umgekrempelte Gesellschaft
erfordern.
Am anderen Ende der Extreme steht die Ansicht, dass die medizinische Erforschung
der Wirkung und Auswirkung von Drogen immer weiter Fortschritte macht. Die Neurowissenschaften
zeigen, dass Substanzen unterschiedliche Wirkstärken im menschlichen Körper
haben, die durchaus übergreifende Geltung beanspruchen können (s.
das Interview mit Andreas Heinz auf dieser Webseite). Zugleich zeigen sie aber
auch die Mächtigkeit der sozialen Einflüsse auf physiologischer Ebene.
Es ist die „objektive Wissenschaft“, die aus Zahlen Fakten schafft
und die individuelle und intersubjektive Perspektive dabei vernachlässigt.
So hat sich die Wissenschaft immer weiter vom Menschen entfernt, die Folgen
sind Hinwendung zu Alternativ-Medizin oder gar Esoterik. Man beginnt erst langsam
wieder einzusehen, dass schon bei der einfachen Aspirinvergabe eine Passung
von Substanz und Patient vorhanden sein muss.
Es war und ist diese reduktionistische Wissenschaft, die in jedem Drogenkonsumenten
primär einen armen Wicht und potentiellen Süchtigen sieht. Es war
zunächst nur die Gegenkultur der 60er Jahre und später das Aufkommen
der massenhaften Verbreitung von „Tripberichten“ im Internet, die
dieser starren Pathologisierung Einhalt geboten haben.
Eine neue und „realistischere“ Klassifizierung von Drogen, wie sie
Nutt und andere nun vorschlagen, ist nur dann ein Schritt in die richtige Richtung,
wenn auch diese Liste wieder nur als die halbe Wahrheit angesehen wird, weil
auch sie mit den Konstitutionen verschiedener Menschen schwer abzugleichen ist.
Sicher, der Mensch braucht Kategorie um die Dinge für sich einzuordnen.
Aber er braucht auch den Freiraum die Gültigkeit dieser Kategorien für
sich und seine geistigen Verwandten zu erforschen. Anders herum: Es gibt Menschen,
für die dürfte selbst der Konsum des von Nutts Experten als relativ
ungefährlich eingestufte Khat schnell zum Problem werden.
Der Kenntnisstand über eine Droge ist zudem immer zeitabhängig. Die
heute aktuellen Therorien und „Beweise“ über cannabisinduzierte
Schizophrenien könnten schon morgen über Bord geworfen werden, weil
irgendwelche bis dahin unberücksichtigten Variablen auftauchen. Es besteht
nur eine vage Hoffnung, das mit Hilfe von Verfahren wie Cochrane und Meta-Studien
wirklich die industrie- und interessengeleitete Spreu vom Weizen der reinen
Erkenntnis getrennt wird. Ob die sagenumwobene „evidenzbasierte Medizin“
zur Klärung strittiger Fragen beiträgt, das ist zu hoffen.
Noch einmal anders gesehen gebiert auch eine „Neuklassifikation der Schädlichkeit“
nur eine weiteres Schreckgespenst, das sich von Angst und Unwissenheit nährt.
Zukünftig kann es nicht nur darum gehen, einen risikoarmen Umgang zu fördern,
sondern den Augenmerk auf die vielen positiven Eigenschaften zu lenken, die
den vielen pflanzlichen und chemischen Wirkstoffen inne wohnt. Von den verborgenen
Potentialen der Wiedererkennung des unauflösbaren Zusammenhang zwischen
Mensch und Natur mal ganz abgesehen.
Man braucht gar nicht so weit reiten, um zu ahnen, dass der Vorschlag von Nutt
& Co. in politischen Kreisen ohnehin auf taube Ohren stoßen wird.
Nicht zuletzt ist das britische Betäubungsmittelgesetz, der „Misuse
of Drugs Act“, ein Versuch den Anforderungen des UN-Abkommens von 1961
(Single Convention on Narcotic Drugs) stromlinienförmig gerecht zu werden.
Ein Ausscheren aus den Reihen der internationalen Gemeinschaft wird Großbritannien
nicht wagen; ein Argument, das auch in Deutschland immer wieder angeführt
wird, wenn es um die mögliche und nötige Reform der Drogengesetze
geht. Der Weg zu einer realistischen Drogenpolitik führt über kurz
oder lang über UN, deren drogenpolitischen Ansichten sind allerdings so
verschroben und von diversen Kräften getrieben, dass eine Besserung zur
Zeit nicht in Sicht ist.
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