"Der Junggeselle" war ein großformatiges Herrenmagazin, das
unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg von 1918 an von Berlin aus für die
Weimarer Republik publiziert wurde. Von zahlreichen Künstlern (insbesondere
des Art Déco-Stiles) ansprechend illustriert spiegelte es bei wöchentlichem
Erscheinen galant-erotisch einen der Zeitgeister der 20er-Jahre (den des modebewussten
balzorientierten bürgerlichen heterosexuellen Mannes) wieder. Natürlich
war auch "Haschisch" ein Thema, das den Leser des "Junggesellen" interessierte.
Im dritten Juliheft 1925 lieferte der Autor Karl Otto Graf von Baudissin mit "Haschisch" einen
Beitrag zum Thema.
"Das arabische Wort Haschisch bezeichnet ein im Orient vielfach gebrauchtes Berauschungsmittel, hergestellt aus den Blüten des indischen Hanf. Es hat in seiner Wirkung in mancher Hinsicht eine Aehnlichkeit mit dem Opium, jedoch in einer gewissen Beziehung ist seine Wirkung eine dem Opium direkt entgegengesetzte. Während nämlich das Opium auf die männliche Kraft lähmend wirkt, so ist der Einfluß des Haschisch..., jedoch das ergibt sich nachher aus meiner kleinen Geschichte.
Unser Schiff war gegen Abend in Port Said eingelaufen, um Bunkerkohlen und Süßwasser an Bord zu nehmen. Wir, die wir hiermit nichts zu tun hatten, und Herren unserer Zeit waren, benutzten die paar Stunden, um uns die Stadt anzusehen, die übrigens an orientalischen Reizen á la 1001 Nacht sehr arm ist.
Auf dem Place Lesseps promenierten wir ein halbes Stündchen umher und genossen das selbst für europäische Begriffe absolut nicht üble Freikonzert, dann begaben wir uns in das unmittelbar am Eingange des Kanals gelegene Casino Palace Hotel, wo wir bei einem eisgekühlten Jonny-Walker-Whisky und einer köstlichen Simon-Arzt-Zigarette mit Schaudern an die uns bevorstehende Glut des Roten Meeres dachten.
Im Laufe des Abends erschien der Schiffshändler an unserem Tisch, und auf meine Frage, ob er uns nicht irgendwo hinführen könne, wo etwas echt Orientalisches zu sehen sei, meinte er, das ließe sich schon machen.
Zwar sei das Betreten der Araberstadt für Europäer des Nachts aus Gründen der persönlichen Sicherheit streng verboten, jedoch kenne er einen eingeborenen Beamten der Polizei, und wenn wir uns nicht fürchteten, so sei er gern bereit, uns zu führen.
Wir zahlten und brachen auf.
Herrlich funkelten die Sterne am samtschwarzen Tropenhimmel, als wir die Rue
au Village arabe betraten. Nach etwa 20 Minuten gelangten wir an die Mauer,
die die Araberstadt umschloß. Da wir in Begleitung des Polizeibeamten
waren, ließ uns der Posten ungehindert passieren.
Nun waren wir in der Arabetown. So habe ich mir immer ein Beduinendorf vorgestellt,
kleine Holzhäuschen, windschiefe Lehmhütten, Dünen und Sand,
Sand, Sand. Manch ermordeter Europäer - für seine Angehörigen
und Freunde spurlos verschwunden - liegt hier verscharrt. Vielleicht hat er
eine Tochter des Landes zu lange angesehen, vielleicht ist er das Opfer der
Habgier eines Dorfbewohners geworden.
Wir gingen durch verschiedene krumme Straßen und Gassen, von denen eine wie die andere aussah, und betraten dann eine dieser Lehmhütten. In der Tür hockte ein altes, zahnloses, zum Skelett abgemagertes Araberweib, dem unser Freund in der Landessprache ein paar Worte zurief und ihr gleichzeitig ein Geldstück in die offene Hand warf.
Nach kurzer Zeit traten einige Arabermädchen in das dürftig erleuchtete
Zimmer, jung und prachtvoll gewachsen, blitzende Augen, schneeweiße Zähne
und blauschwarzes Haar.
Die Alte hatte sich in einer Ecke niedergekauert und fing an, ein tamburinartiges
Musikinstrument zu schlagen. Die Mädchen begannen zu tanzen. Es war ein
Bauchtanz - ein Hutschi-Kutschi -, den wir zu sehen bekamen.
Es war schön, herrlich schön. Wir verfolgten jede Bewegung und wagten
kaum zu atmen.
Ich habe oft die Ansicht vertreten hören, der Bauchtanz sei unanständig.
Wenn zwei dasselbe tun, so ist das bekanntlich durchaus nicht dasselbe. Was
man so im Orient bei öffentlichen Darbietungen oft zu sehen bekommt, ist
allerdings meistens alles andere als ästhetisch. Was hier getanzt wurde,
war Kunst, unverdorbene, nicht angekränkelte Kunst. Ich habe jedenfalls
selten etwas Reineres und Keuscheres zu sehen bekommen als diesen Tanz von
jungen Frauen, der ja ursprünglich eine religiöse Handlung darstellte.
Der Tanz war zu Ende. Schweißüberströmt lagen die Tänzerinnen mit fiebrigen Augen und keuchendem Atem auf der Erde. Leise verließen wir das Haus.
Am Ausgang des Dorfes dankte ich dem Polizeibeamten für den uns gebotenen Genuß und belohnte ihn mit einigen Piastern.
Der Mann war offenbar sehr erfreut und zufrieden, denn er grinste wie ein
fröhlicher Haifisch, als er immer und immer wieder versicherte: "Thank
you, Sir! Thank you very much, Gentleman."
Als ich ihn fragte, was er mit dem Gelde anfangen wolle, verklärten sich
seine Züge: "Dafür kaufe ich mir Haschisch."
"Haschisch?"
"Yes, Gentleman, Haschisch!"
Er sah es wohl meinem Gesicht an, daß mir Haschisch nicht bekannt war.
"O! Sie kennen Haschisch nicht? Wenn Sie Haschisch rauchen...," hier
reckte er seinen muskulösen Unterarm in die Höhe und ließ seine
Muskeln spielen. "Wenn Sie Haschisch rauchen, Gentleman, - ein kurzes
verlegenes Lächeln - twenty five times, fünfundzwanzig Mal!"
Dieses kleine Erlebnis erzählte ich neulich mal so ganz beiläufig
meiner Frau. Ich hätte auch was Klügeres tun können.
Sie sah mich groß an und fragte dann mit der größten Selbstverständlichkeit:
"Ja, sag mal mein Freund, warum rauchst du denn nicht Haschisch?" -
Und jetzt besteht sie unerbittlich darauf, ich soll Haschisch rauchen. Wo soll
ich nun in Berlin ausgerechnet Haschisch herbekommen?
Hätte ich ihr nur diese Geschichte nicht erzählt.
Meine Ruh´ ist hin...!"
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