Spritzig durch den Büroalltag

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Die DAK legt eine Studie zum Hirndoping durch Erwerbstätige vor

Erschienen in der Telepolis v. 22.03.2015

Es gibt wenig belastbare Zahlen über die Verbreitung von Hirndoping. Schon vor sechs Jahren hatte sich die DAK aufgemacht dies zu ändern und eine groß angelegte Befragung durchgeführt. Damals hatte es in den Medien zwar gerauscht, las man die Zahlen aber genauer (Doping am Arbeitsplatz), konnte man weithin Entwarnung geben. Hirndoping – auch “Cognitive Enhancement” genannt, war kein verbreitetes Phänomen. Nun legt die Krankenkasse erneut eine repräsentative Studie vor, in der das Doping am Arbeitsplatz untersucht wurde. Was gibt es Neues?

Je nachdem, wie streng die Kriterien angelegt wurden, kam der DAK-Report 2009 zu dem Ergebnis, dass ein bis fünf Prozent der Arbeiter und Angstellten selten oder öfter Medikamente zur Leistungssteigerung oder Stimmungsverbesserung einnehmen. Dieses Mal wurde in der Befragung zum einen darauf hingewiesen, dass es um verschreibungspflichtige Medikamente geht und nicht um frei verkäufliche Präparate. Zum anderen sollten die Befragten nur von einer nicht medizinisch notwendigen Einnahme berichten, eine indikationsgemäße Therapie der Depression oder ADHS wurde also ausgeschlossen.

6,7 % der Teilnehmer, so das zentrale Ergebnis, haben mindestens einmal in ihrem Leben pharmakologisches Neuroenhancement betrieben. 3,3 % setzen auf leistungssteigernde Substanzen, 4,7 % auf Mittel zur Stimmungsaufhellung (Antidepressiva) oder dem Abbau von Ängsten und Nervosität (primär Betablocker). Die Studienautoren gehen davon aus, dass die Dunkelziffer um etwa 80 % höher liegt. Zum Vergleich: Eine Studie von 2011 zeigte eine Lebenszeitprävalenz von 1,5 % bei Schülern und 0,7 % bei Studenten.

Der Anteil der Hirndoper, die in den letzten 12 Monaten tätig geworden sind ist deutlich geringer als der derjenigen, die jemals entsprechende Medikamente mit dem Ziel der Leistungssteigerung oder Stimmungsverbesserung eingenommen haben. “3,2 Prozent der Befragten geben an, innerhalb der letzten 12 Monate verschreibungspflichtige Medikamente ohne medizinische Notwendigkeit eingenommen zu haben. 1, 5 Prozent geben dies für die Gruppe der leistungssteigernden Mittel an, 2,1 Prozent für die Gruppe der Mittel zur Verbesserung der Stimmung und zum Abbau von Ängsten und Nervosität.”

In den Schulabschlüssen, der beruflichen Stellung und befristeten oder unbefristeten Verträgen unterscheiden sich die Konsumenten nicht signifikant. Aber: Je einfach das Tätigkeitsniveau, desto größer die Wahrscheinlichkeit, zumindest irgendwann einmal Cognitive Enhancement betrieben zu haben.

Wie so oft stellt sich die Frage: Ist das alles alarmierend? Vereinfacht gesprochen ist ein Anstieg des Hirndopings um 2 % in den letzten sechs Jahren zu verzeichnen. Berücksichtigt man, wie irre es da draußen in den Endzeiten des Neoliberalismus zugeht, ist das eher wenig. Auch daher sieht sich noch niemand aufgefordert, die üblichen Verbotsreflexe abzuspulen.

Die Motive der Anwender sind vielfältig, hauptsächlich geht es um konkrete Anlässe wie Prüfungen und Präsentationen. Ein wichtiger Punkt erscheint in der Studie spät und bleibt in der Berichterstattung unerwähnt: Am meisten wurden Medikamente gegen Angst, Nervosität und Unruhe genannt. 60,6 % gaben sie an. Rund ein weiteres Drittel der Nutzer nimmt Arzneimittel gegen Depressionen ein, ohne eine ärztlich gesicherte Indikation vorweisen zu können. Und 28,6 % verwenden Cognitive Enhancer im engeren Sinne, nämlich Medikamente gegen Schläfrigkeit (wohl primär Modafinil), ADHS (Ritalin) und Gedächtniseinbußen (Antidementiva). Summiert sind das über 100%, weil es Mehrfachanwender gibt.

Das eigentlich erstaunliche an der Untersuchung ist aus dieser Perspektive der vergleichsweise häufige Einsatz von den Betablockern wie Metoprolol und Propranolol, die im Grunde nur den Blutdruck senken. Ob man dies nun mit dem Schlagwort “Cognitive Enhancement” oder “Hirndoping” beschweren muss, sei dahingestellt. Ein weiteres Drittel betreibt ebenfalls keine Kognitionserstarkung im Sinne einer Steigerung der Merk- oder Lernfähigkeit, sondern eher Mood-Boosting, um den Anforderungen in einer Mischung aus Fröhlich- und Gleichgültigkeit gegenüber zu treten. Das dürfte die Fraktion sein, die bei dauerhafter Anwendung Richtung Burn-Out/Depression steuert.

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Demenz: Keine Medikamente in Aussicht

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Nach diversen Flops droht sich die pharmazeutische Industrie aus der Entwicklung von Anti-Dementiva zurückzuziehen.

Erschienen in der Telepolis v. 04.03.2015

Die Zahlen variieren, sie sind gleichwohl alarmierend. Bis 2050 sollen nach Schätzungen der UN weltweit 135 Millionen Menschen an Alzheimer oder einer anderen Demenzform erkrankt sein. Die Schicksale sind mit hohen Kosten verbunden, der Versicherungsbranche schwant böses. Ein nun vom “World Innovation Summit for Health” (Wish) veröffentlichter Report weist darauf hin, dass trotz der Fortschritte in der Ursachenanalyse der Demenz eine Heilung der Krankheit nicht in Aussicht steht. Mehr noch: Die pharmazeutische Industrie droht sich aufgrund diverser Fehlschläge aus der der Entwicklung neuer Medikamente zurückzuziehen. Weiterlesen →

Google wird zur Künstlichen Intelligenz

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DeepMind-KI lernt aus Erfahrung

Ende Januar wurde die neueste Akquirierung von Google bekannt. Der Konzern kaufte für wohl 400 oder auch 500 Millionen US-Dollar ein Startup mit dem ambitionierten Namen DeepMind. Dort will man, so wirbt die Website, Maschinenlernen und Neurowissenschaft kombinieren, um leistungsstarke und vor allem universale Lernalgorithmen zu schaffen. Man nennt es Künstliche Intelligenz (KI).

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Ohne Legalisierung geht es nicht

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Erschienen in der Telepolis v. 28.12.2014

Vor 25 Jahren wurde ein drogenpolitisches Experiment gestartet, dessen Erfolge frappierend sind

Rund um den Hamburger Hauptbahnhof spielten sich Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre mitunter erschreckende Szenen ab. Es hatte sich eine offene Drogenszene mit sichtbarer Verelendung etabliert. Insbesondere der Stadtteil St. Georg war von der Problematik betroffen und wurde zu Handel, Konsum und Prostitution genutzt. Die Junkies waren intoxikiert oder entzügig, litten unter Krankheiten wie HIV/AIDS und Obdachlosigkeit. Die Bürger reagierten unterschiedlich, empört, verängstigt, betroffen. Die Polizei versuchte zunächst massiv die Abhängigen durch Aufenthaltsverbote, Verhaftungen und andere Maßnahmen zu vertreiben und verdrängte damit allenfalls vorübergehend die Menschen aus dem Fokus ohne damit das Problem zu lösen. Bereits bestehende Drogenhilfeeinrichtungen und Bürger setzten sich für humane Lösungsansätze ein, so auch der Einwohnerverein St. Georg.

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Schmerz lass nach

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Opiate können zukünftig aus Zucker und gentechnisch veränderter Hefe hergestellt werden

Erschienen in der Telepolis
Von Jörg Auf dem Hövel

Die Gesellschaft leidet unter Schmerzen. Was auch immer es ist, die Entfremdung, der Körper, das Unbehagen – Schmerzmittel helfen. Der Markt ist groß, seit Jahren stehen Schmerzmittel ganz oben auf den Listen der meistverschriebenen Arzneien. Die Gruppe der Opiate und Opioide gilt dabei schon lange nicht mehr nur als Ultima Ratio in der Schmerztherapie, sondern ist vielgenutzt und unverzichtbar.
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Wo bleibt das Hirn?

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Das europäische Human Brain Project steht vor der Spaltung

Das Human Brain Project (HBP) der EU ist mit dem Ziel initiiert worden, das vorhandene Wissen über das Hirn zu sammeln und in einem zweiten Schritt das menschliche Denkorgan nachzubauen. Dafür sollen über eine Milliarden Euro fließen. Sowohl am Anspruch wie an der Summe wird seit bekannt werden des Projekts Anstoß genommen. Zu utopisch, zu teuer. Weiterlesen →

Nur die Hälfte der Geschichte

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Erschienen in der Telepolis
Von Jörg Auf dem HövelEin 88-Jähriger lebt gut – ohne die Verbindung seiner Gehirnhälften

Das Fachblatt “Neurocase” hat den Fall eines 88-Jährigen US-Amerikaners vorgestellt , der seit seiner Geburt ohne die übliche Verbindung der beiden Großhirnhälften lebt. Normalerweise verbindet ein starkes Nervenbündel, der sogenannte Balken (lat. Corpus callosum), die rechte und linke Großhirnhälfte beim Menschen. Der Balken ist die zentrale Instanz in der Koordination dieser beiden Hemisphären. Weiterlesen →

Ein Atemzug

Erschienen in der Telepolis
Von Jörg Auf dem Hövel

Der Kurzfilm “Narcose” zeigt den fünfminütigen Tauchgang des Apnoe-Tauchers Guillaume Néry – und seine Halluzinationen

Nie zuvor wurde die quasi-psychedelische Erfahrung des Extremtauchens so nahe gebracht. Die französische Kamerafrau und Regisseurin Julie Gautier hat den Apnoetaucher Guillaume Néry in Echtzeit auf seinen fünfminütigen Hochleistungstrip in die Unterwasserwelt begleitet.

Mit nur einem Atemzug gleitet er 125 Meter tief, wendet und durchlebt auf dem Rückweg einen Zustand zwischen CO2-Narkose und Tiefenrausch. Die Grenzen zwischen innerer und äußerer Welt verschwimmen, Néry oszilliert zwischen vergangenen Erlebnissen, Phantasie und Nahtoderfahrung.

Um überhaupt in solchen Tiefen überleben zu können, müssen Apnoetaucher komplizierte Atem- und Druckausgleichstechniken erlernen. Elastizität von Muskulatur, Brustkorb und Zwerchfell sind extrem verbessert, zudem sind sie in der Lage, bis zu 1,5 Liter Blut aus den Extremitäten in die Lunge zu verschieben.

Der Film ist auf Vimeo in HD zu betrachten.

Kriege, Katastrophen, Schicksale

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Erschienen in der Telepolis
Von Jörg Auf dem Hövel

Warum wir schlechte Nachrichten bevorzugen

Die Schlagzeilen gleichen sich tagtäglich. Kriege, Katastrophen, menschliche Schicksale. Nicht nur die Boulevardmedien bringen ihren Lesern die Welt über den Extremfall nahe. Sieht man von der medialen Konstruktionslust ab, so bleibt zu attestieren: Es geschehen schlimme Dinge und es scheint so, als ob wir alles über sie erfahren wollen. Missstände erregen unsere Aufmerksamkeit, deren Verbesserung nicht. Sicher, Meldungen des Glücks und der Mitmenschlichkeit werden eingestreut, sie scheinen aber eher der Stabilisierung des dunklen Gesamtkonstrukts zu dienen. “Gebt uns mehr gute Nachrichten”, hört man daher manchmal. Aber wollen wir diese wirklich hören?
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Soldaten mit Hirnschrittmacher

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Erschienen in der Telepolis
Von Jörg Auf dem Hövel

Warum das Pentagon die Entwicklung von Gedächtnis-Chips finanziert

Vergangenen Dienstag hat das US-Verteidigungsministerium eine Finanzspritze für zwei universitäre Forschungsabteilungen genehmigt, die Hirnimplantate gegen Gedächtnisstörungen entwickeln sollen. Offizielles Ziel ist die Behandlung von verletzten Soldaten aus den Kriegen im Irak und Afghanistan. Viele haben sich dort ein leichtes oder schweres Schädel-Hirn-Trauma zugezogen. Die Langzeitfolgen sind Apathie, Leistungsminderung, Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und Gedächtnislücken.
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